Impressum

Hannes Hüttner

Alpha bläst Trompete und andere Märchen

Alpha bläst Trompete - Eine Uhr steht vor der Tür – Hinter den blauen Bergen – Saure Gurken für Kaminke

ISBN 978-3-86394-605-0 (E-Book)

 

Das E-Book enthält vier Kinderbücher aus dem Verlag Junge Welt, Berlin: „Alpha bläst Trompete“ (1976), „Eine Uhr steht vor der Tür“ (1978), „Hinter den blauen Bergen“ (1981) und „Saure Gurken für Kaminke“ (1975).

 

Gestaltung des Titelbildes: Ernst Franta

© 2014 EDITION digital®
Pekrul & Sohn GbR
Godern
Alte Dorfstraße 2 b
19065 Pinnow
Tel.: 03860 505788
E-Mail: verlag@edition-digital.com
Internet: http://www.ddrautoren.de

Jakob, Schrimm und Pink

Eines Tages zieht hinterm Wald eine dunkle Wolke herauf, bläht sich auf und zerreißt - gerade als sie über Witwe Zimtziesels Holzhäuschen angelangt ist. Sie schickt Hagelschloßen in die Felder, trommelt auf die Dächer und verschwindet. Fünf Minuten später kommt die Sonne angerannt, um zu sehen, was geschehen ist. Witwe Zimtziesel, die im Dorf die Post besorgt, betrachtet ärgerlich eine zersprungene Fensterscheibe und polkt die Hagelkörner aus ihren Geranienkästen, die vorm Fenster hängen. Sie steckt die Finger zwischen die fetten Stauden - da zappelt etwas. Vor Schreck fährt sie zurück. Dann fasst sie sich ein Herz und sieht vorsichtig nach.

Inmitten der Hagelschloßen sitzen drei winzige Gesellen, in Felle gekleidet wie die Eskimos, nicht größer als ein halber Daumen jeder.

„Du bist schuld, Jakob!“, jammert der Größte der drei. „Du hast gesagt, wir hüpfen jetzt auf die Wolke. Gibst du es zu?“

„Ja“, sagt Jakob versonnen. „Ich hab’s gesagt, und du, Pink, bist als erster gehüpft. Ich finde, es war eine schöne Reise.“

„Hört auf zu streiten“, sagt der Kleinste und Älteste der drei, der Zwerg Schrimm. „Wir müssen sehen, dass wir hier schnell einen Eisberg oder einen Gletscher finden!“

Es sind drei Gletscherzwerge. Sie wohnen im hohen Norden, wo in den Kluften der Gletscher die Hagelwolken entstehen. Sie haben eine neugierige Reise unternommen, sind nach Süden gesegelt und mitsamt ihrer Wolke vor fünf Minuten abgestürzt. Jetzt sitzen sie in der Sonne und zittern. Wenn es Gletscherzwergen heiß wird, zittern sie, kriegen rote Nasen, blaue Backen, und schließlich zerlaufen sie. Sie können nur dort leben, wo es schön kalt ist. Witwe Zimtziesel ist eine mitleidige Seele. „Vorsicht“, sagt sie zu manchem Kunden, der seine Briefmarke mit der Faust auf dem Brief festschlägt, „vielleicht tut es der Marke weh!“

Sie hört einen der Gletscherzwerge husten, als ob Geschirr herunterfiele, und sie denkt nach, wie ihnen zu helfen wäre. Sie tut etwas Gescheites: Sie setzt die drei in ihren Kühlschrank. „Ihr passt auf, ob das Licht auch ausgeht, wenn ich die Tür zumache“, sagt sie. „Das wollte ich schon lange wissen. Und morgen sehen wir weiter!“

Am nächsten Morgen sitzen die drei Gletscherzwerge zitternd vor Wärme auf dem Kühlblech. Sie haben die Ölsardinen aufgegessen und die ganze Nacht das Licht brennen lassen, weil sie sich fürchteten, im Dunkeln zu bleiben.

„Ist es noch zu warm?“, fragt Witwe Zimtziesel.

„Hatschi!“, niest der Älteste namens Schrimm.

„Viel zu warm! Wir haben alle den Schnupfen!“

„Hepsch!“, niest auch Jakob.

„Piii!“, niest der dritte, Zwerg Pink.

„Gibt es hier keine Gletscher?“, fragt der bärtige Schrimm.

„Nein“, sagt Witwe Zimtziesel und bedauert, dass es weder Gletscher noch Eisberge gibt. „Aber ich habe noch die Tiefkühltruhe!“

In der Tiefkühltruhe fühlen sich die Zwerge zunächst sehr wohl. Sie ziehen ihre Pelze aus, die sie vor großer Wärme schützen, sitzen bei minus achtzehn Grad mit nacktem Oberkörper um einen hart gefrorenen Schmalzwürfel und spielen Skat. Dazu essen sie Vanilleeis.

Das geht zwei, drei Tage so, dann wird es ihnen langweilig. Wenn die Witwe Zimtziesel die Truhe aufmacht, stehen sie alle auf der Kühlschlange und fragen: „Kannst du uns nicht zum Nordpol schaffen?“

„Wie denn?“, sagt die Witwe. „Die Post ist jeden Tag von acht bis zwölf und von vierzehn bis achtzehn Uhr geöffnet, sonnabends bis halb zwölf, aber in einem Tage schaffe ich es nicht hin und zurück!“

„Auch nicht zum Südpol?“, fragt Pink.

„Der ist ja noch weiter!“, sagt Frau Zimtziesel.

Da lassen sie die Köpfe hängen.

Es trifft sich, dass Kurt Kurvenschneider seiner Verlobten Minna Herzlieb eine Karte schreiben muss und dazu eine Briefmarke kauft. Kurt Kurvenschneider ist Kraftfahrer und kommt überall herum.

„Stell dir vor“, sagt er zu der Zimtzieseln, „in der Kreisstadt sind 5 000 Eier verdorben. Jetzt wissen sie nicht, wohin damit.“

„5 000 Eier?“, fragt die Postfrau zweifelnd. „Wie ist denn das zugegangen?“

„Im großen Kühlhaus ist es passiert“, berichtet Kurt. „Ich fahr doch dort aus und ein. Da liegen Fleisch und Butter, Milch und Käse, sogar fertige Mittagessen haben sie, die muss man nur in die Röhre stellen - in fünf Minuten sind sie fertig!“

„Na, und die Eier?“

„Ach so, die Eier“, sagt Kurt. „Da ist in irgendeiner Ecke die Kühlmaschine ausgefallen, und zugleich ging das Thermometer kaputt. Das passiert vielleicht alle 1000 Jahre mal. Aber jetzt sitzen sie und denken nach, was zu tun ist, damit es das letzte Mal bleibt.“

Kurt beleckt die Marke und donnert seine Faust auf das bunte Viereck, dass die Postfrau zusammenzuckt. Als er den Schalter verlässt, wählt Frau Zimtziesel eine Nummer.

„Ist dort das Tiefkühlhaus?“, fragt sie.

Am nächsten Tag fährt sie in die Stadt, in der Handtasche eine Thermoskanne, mit Eisstückchen gefüllt. Darin sitzen Jakob, Schrimm und Pink.

Im großen Tiefkühlhaus gehen die Kühlmänner mit Filzstiefeln, Ohrenschützern und Wattejacken umher. Aber die drei Gletscherzwerge ziehen sich sofort vollständig aus und schreien: „Schön! Endlich mal wieder Kälte!“

Seitdem arbeiten sie im Kühlhaus, kontrollieren die Thermometer und sorgen dafür, dass es nie wärmer als minus vierzig Grad wird. Neulich traf ich Jakob dort und fragte ihn, wie es ihm gefiele.

„Weißt du“, sagte er und kratzte sich den Raureif vom Schnurrbart, „an minus vierzig Grad haben wir uns erst gewöhnen müssen. Das ist für uns warm. Aber wir sind trotzdem zufrieden. Wenn bei uns im hohen Norden mal ein Eisbär vorbeikam, haben wir 14 Tage drüber geredet - so langweilig war es da. Hier werden wir gebraucht, verstehst du?“

Er schrie plötzlich: „Ich komme!“, und eilte davon. Es wurde gerade Butter gebracht. Jakob zeigte den Kühlmännern den Weg. Pink, der hinzugetreten war, legte mir noch ans Herz: „Wenn du darüber schreibst, vergiss nicht - ich bin als erster auf die Wolke gesprungen. Klar?“

„Klar“, sagte ich.

Die fünftausend Eier aber hat der Kindergarten im Dorf bekommen. Die Kinder machten ein Geländespiel - jedes Kind bekam hundert Eier und durfte die anderen damit bewerfen, bis sie alle gelb wie die Briefkästen waren und rochen wie die Wiedehopfe. Hinterher wurde alles abgewaschen.

Die Hühner waren natürlich beleidigt. Sie verstanden, wie immer, nicht den Zusammenhang.

Ein Schnupfen dauert 7 Tage

Nina ist die Waschmaschine der Familie Fröhlich. Sie hat viel zu tun: Die drei Fröhlich-Kinder kommen jeden Tag nach oben, als ob sie mit Zementsäcken gespielt, einander mit Eierpampe beworfen hätten und anschließend durch Teertonnen gekrochen wären.

Eines Tages legt Mama Fröhlich die Wäsche in die Trommel, lässt Wasser zulaufen und streut Waschpulver in die Maschine. Nina spürt ein Kribbeln. Sie verzieht ihren Deckel, holt tief Luft und niest dreimal.

„Haptschi, haptschi, haptschi!“

„Gesundheit!“, sagt Vater Fröhlich, der gerade in die Küche kommt.

Mutter Fröhlich sieht ihn beleidigt an. Sie ist von oben bis unten nass. Sie nimmt sich ein Turnhemd vom Kopf. Die übrigen Wäschestücke schwimmen auf dem Fußboden.

Während Mama Fröhlich aufwischt, repariert Vater Fröhlich die Waschmaschine. „Es kann nur das Nies-Ventil sein“, erklärt er. Als er fertig ist, sammelt er die Wäsche in die Trommel, lässt Wasser einlaufen und streut Waschpulver ein. „Sie geht wieder“, sagt Vater Fröhlich. „Alles, was ich repariere, geht wieder!“

Da niest Nina dreimal! „Haptschi, haptschi, haptschi!“

Vater Fröhlich steht da wie ein begossener Pudel. Er kann nichts sehen, weil ihm eine Socke vor den Augen klebt. Aber er spürt, wie ihm das Wasser in die Hosenbeine läuft.

„Stell sie ins Kabuff!“, sagt Mutter Fröhlich.

Nun steht Nina im Kabuff, in der Abstellkammer, und hat faule Tage. Die Kinder spielen mit ihr. Sie legen ihre Puppen in den Behälter und fahren sie spazieren. Nina gefällt das Leben sehr.

Aber wie muss Mama Fröhlich rackern! Sie wäscht alles mit der Hand. Und wie die Röcke und Hosen der Fröhlich-Kinder auch aussehen! Eines Tages wird es ihr zu viel.

„Mann“, sagt sie, „du hast immer noch nicht die Waschmaschine in die Klinik gebracht. Ich glaube wohl, sie muss ganz und gar auseinandergenommen werden.“

„Mach ich morgen!“, sagt Vater Fröhlich.

In der Nacht reißt Nina aus.

Sie will nicht auseinandergenommen werden. Weiß sie, ob sie hinterher noch dieselbe Nina ist? Sie ist noch unerfahren. Sie begreift nicht, dass man ihr helfen will. Und so öffnet sie leise mit ihren Schlaucharmen die Wohnungstür, fährt im Fahrstuhl nach unten und verlässt das Haus.

Sie rollt durch die stillen Straßen und fürchtet sich. Bei Fröhlichs war sie nie allein. Hier aber ist weit und breit kein Mensch zu sehen.

Da hüstelt es in ihrer Nähe.

„Ehem, ehem!“, macht jemand. Sie dreht sich um. Hinter ihr steht ein Kühlschrank. Er sieht groß und vertrauenerweckend aus. Nina fürchtet sich nicht mehr.

„Ich heiße Friggi“, sagt der weiße Geselle. Sie gehen ein wenig spazieren, dann setzen sie sich auf eine Parkbank. Friggi ist auch ausgerissen. Er soll in die Klinik kommen, nur weil sein Schalter kaputt ist. Er ist ganz empört darüber. Nina ist müde und schläft ein.

Als der Morgen graut, fällt der Tau. Nina spürt im Schlaf ein Kribbeln und muss niesen: „Haptschi!“

Sie erwacht davon. Auch der Kühlschrank ist erschreckt hochgefahren.

Stellt euch vor: Er wollte gerade Nina im Schlaf ihren Schalter abmontieren! Nun, als er sich entdeckt sieht, rennt er davon. Nina tastet nach ihrem Schalter. Er ist noch da.

Alle Kühlschränke sind schlecht, denkt Nina und weint ein bisschen.

Sie hat schon große Sehnsucht nach Familie Fröhlich. Aber sie möchte nicht in die Waschmaschinenklinik. Sie versteckt sich tagsüber in einer Parkanlage. Sie hört sogar deutlich die Fröhlichkinder schreien. Aber sie bleibt still.