Impressum

Hannes Hüttner

Herr Fischer und seine Frauen

Der Mann, der aus dem Dschungel kam

ISBN 978-3-86394-282-3 (E-Book)

 

Die Druckausgabe erschien 2001 bei
Verlag Neues Leben, Berlin.

Gestaltung des Titelbildes: Ernst Franta
 

© 2012 EDITION digital®
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1. Kapitel

Da wör mal eens en Fischer un sine Frau, de wanden tosamen in 'n Pissputt, dicht an der See, un de Fischer güng alle Dage hen un angeld: un he angeld und angeld.

So wie dieses alte pommersche Märchen könnten wir unsere Geschichte beginnen. Denn angeln mochte auch Thomas Fischer für sein Leben gern, besonders, wenn er etwas zu bedenken hatte; dünn sett he und angeld und angeld. Und zudem stammt er auch noch aus Mecklenbörg; das ist ja dicht neben Pommern.

Wir jedoch beginnen mit seiner Mutter.

Brigitte Fischer glaubte, den Schmerz nicht mehr auszuhalten. Die Wehen zerrissen sie.

"Pressen, pressen, pressen!", rief die Hebamme, aber das Ungeborene wollte nicht auf diese Welt.

Das Kind der Liebe auszutragen war erst ihr großes Glück, dann ihre Rache gewesen. Jetzt aber, da ihr fester junger Körper sich nicht öffnen wollte, konnte sie die weißen Wände des Kreißsaals kaum ertragen. In den spärlichen Pausen dachte sie: Wozu lag sie hier? Wozu diese vernichtenden Schmerzen? Wäre es nicht besser gewesen, die Ursache dafür dem Nichts zurückzugeben, aus dem es gekommen war?

Dann zerpflügte aufs Neue eine ungekannte Gewalt ihren Leib, sie schrie vor Weh und Zorn und spürte inmitten ihres Schmerzes plötzlich, wie es leer wurde in ihr. Erschöpft schloss sie die Augen. Fast wäre sie eingeschlafen.

Ein dünnes Krähen weckte sie. Ach ja.

"Ein Mädchen?", fragte sie

"Nein, ein Junge!", jubelte die Hebamme, als ob sie eine besonders gute Nachricht zu verkünden hätte.

Gott sei Dank, ein Junge. Ein Junge hat es immer leichter im Leben.

Man legte ihr das abgenabelte, blauviolette Menschlein auf den Bauch.

Zum ersten Mal sahen sie sich in die Augen: Brigitte Fischer und ihr Sohn Thomas. Ja, Thomas sollte er heißen und an nichts glauben, nicht vertrauensvoll sein wie seine Mutter, sondern kritisch, wie hieß es bald - cool. Ohne Emotionen.

Denn die Emotionen waren an allem schuld.

2. Kapitel

Brigitte Fischer, siebzehnjährige Einwohnerin des Ortes Kantow unweit von Rostock, hatte sich zum ersten Mal in ihrem Leben verliebt. Ein Mitschüler, eine Klasse voraus, Franz Kampfmüller, hatte ihr Herz mit Orgelspiel gerührt und bezwungen. Sie war sehr musikalisch und spielte gut Klavier. An einem Dienstag hatte sie ihn wieder einmal in die Marienkirche begleitet, wo er gelegentlich für die tönende Untermalung des Gottesdienstes einsprang und nachmittags an der herrlichen Barockorgel sein Repertoire erweitern durfte. Er kämpfte seit einigen Wochen mit den Bachschen Triosonaten. Die fünfte liebte sie besonders. Wenn die Oberstimme in den Allegri durch den Kirchenraum hüpfte, war ihr, als berühre Franz sie - und erkläre sich ihr.

Seit Wochen hatte er ihr auch mit Worten und eindringlichem Blick zugesetzt; dazu schrieb er kleine Gedichte ab und platzierte sie unter ihrer Federtasche. An diesem Nachmittag aber war sie so überwältigt, dass Franz nach den ersten Küssen ohne Schwierigkeiten an bisher unbekannte Stellen ihres Körpers gelangte. In ihr war große Liebe und Seligkeit, als sie sich ihm auf der Orgelempore hingab. Sie besiegelte einen Bund, der jetzt seinen Anfang nahm und für die Ewigkeit gedacht war.

Nie wäre sie auf den Gedanken gekommen, dass Franz vornehmlich ihre schwellenden Lippen und ihre allerliebsten Brüste im Kopf hatte. Vielleicht hätte sie sein Entsetzen aufmerken machen sollen, mit dem er zwei Monate später die Nachricht von seiner Vaterschaft aufnahm. Sie hielt es jedoch für Überraschung, wie sie selbst auch ungläubig gewesen war, dass erst die Regel ausblieb und wenig später der Hausarzt eine Frucht ihrer Liebe ankündigte.

Aber dann war der überforderte Jüngling drei Wochen nach seinem Abitur verschwunden.

Brigitte, die viel Rücksicht auf seine Prüfungen zur Reife genommen hatte, ging mit ihrem sichtbar hohen Leib vor sein Elternhaus in Rostock. Die Tür wurde von der Mutter geöffnet, sie tat einen Blick auf die Schwangere und stieß einen einzigen Satz hinaus:

"WirwissenvonnichtskeineAhnungwoersteckt!"

Nun ja, das war unfreundlich. Sie hielt jedoch dem flüchtigen Franz zugute, dass er illegal handeln musste.

Den Oberen waren Landesflüchtige höchst zuwider. Er hatte ihr längst mal anvertraut, gerne Orgelmusik zu studieren, am liebsten in Hamburg.

Sicher wartete er dort auf sie.

Brigittes Eltern waren liebevoll und besorgt. Der Vater hatte ihr über den Kopf gestrichen, als sie den Eltern ihren Zustand berichtete, und gesagt: "Ein wenig früh - ich freu mich trotzdem, Süßing! Wir kriegen das Balg schon groß!"

Der Mutter musste sie den Kindeserzeuger nennen. Die ermahnte sie auch, den Täter zu stellen und die Heirat zu verabreden, und zwar für den Tag, an dem sie achtzehn würde! Das war doch wohl selbstverständlich!

So gelangte sie eines Tages, vier Wochen vor ihrer Niederkunft, auf etwas abenteuerlichen Wegen über Westberlin nach Hamburg, fand im Studentenbüro seine Adresse, draußen in Ohlsdorf, und klopfte gegen nachmittags an. Eine freundliche Frau öffnete, sagte "Ja, er ist da!" und ging, sie anzumelden. Sie folgte und fand ihn in seinem Zimmer neben einem Mädchen sitzend. Beide waren etwas erhitzt, und die Wirtin war wohl auch überrascht, denn sie sagte: "Ach; Entschuldigung, sie haben Besuch, Herr Kampfmüller? Hier ist jemand für sie!"

Da saß er nun, ihr Geliebter, mit törichtem Antlitz, und sie ahnte schon, es war vorbei, die große Liebe ein Irrtum - aber vielleicht war es doch nur Zufall, dass er hier mit einer Mitstudentin saß?

Sie wollte, wie immer in ihrem Leben, alles genau ergründen und sagte:

"Du weißt noch gar nicht, wie ich unser Kind nennen will: Thomas! Ich bin gekommen, um bei dir zu bleiben. Das Kind soll einen richtigen Vater haben und zwar vom ersten Tag an!"

Sie zog ihren Pullover hoch, entblößte ihren gerundeten Bauch und sprach: "Willst du mal fühlen?"

An diesem Punkt erhob sich der Besuch, sprach spitz: "Ich will nicht weiter stören!" und ließ die beiden allein.

"Hanna!", rief Franz flehentlich; aber Hanna knallte die Tür zu. Er versuchte Brigitte gegenüber noch eine lächerliche Ausrede.

"Wie soll das gehen, ich komme gerade so durch!"

"Ich habe hier Verwandte!", sagte Brigitte entschlossen.

Da sprach er das Todesurteil ihrer großen Liebe, mit Folgen für Mutter und Kind:

"Na und - weiß ich überhaupt, ob ich der Vater bin?"

Sie erbleichte, stand auf und schlug die Tür zu, wie vordem die Besucherin.

So kam es, dass Thomas Fischer nicht in Hamburg, der kühlen Stadt, sondern in der Klinik des östlich gelegenen Rostock das Licht der Welt erblickte und zunächst, wie zuvor seine Mutter, im Ackerbürgerstädtchen Kantow aufwuchs.

Sie focht nie um Alimente; in der Klinik behauptete sie, den Vater des Kindes nicht zu kennen. Das Getuschel ging rasch vorüber. Der Vater, der Tischlermeister Fischer, war eine Respektsperson und wenn die Fischers sagten, sie kennten den Vater nicht, dann hieß das nur: sie wollten ihn nicht mehr kennen. Wer für Brigitte gestorben war, blieb tot bis zu seinem realen Ende.

Das Abitur legte sie mit einem Jahr Verspätung ab und wandte sich nach Berlin. Das war natürlich nur möglich, weil die Eltern ihr halfen. Zurückhalten konnten sie Brigitte nicht, die Stadt war zu klein geworden. Mit Sohn Thomas und ihrem Reifezeugnis in der Tragetasche fuhr sie aus Mecklenburg nach Pankow, wo eine Schwester von ihr verheiratet war.

3. Kapitel

Thomas Fischer war ein schönes Kind: Dunkle, widerborstige Haare, helle, neugierige Augen. Dazu ein schelmisches Lächeln, eine große Nase - er würde wohl viel Spaß im Leben haben. Männer sah er in seiner Kleinkinderzeit selten, aber die Kindergärtnerinnen waren in ihn vernarrt, seine Mutter knuddelte ihn, sooft es nur ging und Tante Hiltrud aus Pankow drückte ihn an ihren großen Busen, wenn sie einspringen durfte.

Brigitte Fischer arbeitete an einer Tageszeitung in Ostberlin. Sie begann als Volontärin. Es zeigte sich, dass sie eine rasche und spitze Feder führen konnte, und so kam sie schnell im Beruf zu Ansehen und fester Anstellung. Ihres Spottes wegen wurde sie manchmal gefürchtet, aber ihres Aussehens wegen umschwärmt. Dass sie eine waidwunde Seele barg, wussten nur wenige. Manch junge Frau steckt solch schwere Niederlage weg, indem sie überlegt, wem sie sich da vorschnell ausgehändigt hat. Durch Abwertung des Schurken hebt sich das Selbstbewusstsein und irgendwann bemerkt sie, dass nicht alle Männer Schweine sind. Brigitte aber tat alles mit vollem Einsatz und wäre nicht imstande gewesen, eine zweite Niederlage zu ertragen. So lebte sie nach der Devise, eine große Liebe erlebt zu haben, wie sie sie nie wieder erleben würde - deswegen lohnte kein zweiter Versuch. In dieser Version verblasste der Schurke Kampfmüller, die Umstände waren es, die alles zerstört hatten. Gleichzeitig aber wusste sie doch, dass dieser Franz an ihr gemein gehandelt und sich auch in all den Jahren nicht gemeldet hatte, um wenigstens seiner materiellen Verantwortung gerecht zu werden - er war schließlich auch der Verführer gewesen!

Den ahnungslosen Männern, die ihren Lebensweg kreuzten, gab sie nur für kurze Zeit Hoffnung. Irgendwann ließ Brigitte sich verleugnen, und die Verliebten wussten nicht einmal, was sie falsch gemacht hatten, weil sie niemals bis zum Kampfmüller-Denkmal in ihrer Seele vorgedrungen waren. Vielleicht, wenn einer Orgel gespielt und Heine zitiert hätte...

Aber Dubletten gibt es im Leben nun einmal nicht, außer bei eineiigen Zwillingen. So blieb die Kleinfamilie Fischer einsam. Und Thomas glaubte lange, lange, von Anbeginn seines bewussten Lebens, dass Frauen nur dazu da seien, um Männer wie ihn glücklich zu machen!

4. Kapitel

In den Ferien verbrachte Thomas viel Zeit bei den Großeltern. Opa stand hinter der Abrichte oder an der Säge und warf ihn sofort aus der Werkstatt; aber nach Feierabend durfte er ungehemmt im Sägemehl wühlen oder aus Holzabfällen Häuser basteln. Opa war es auch, der ihn erstmals mit zum Angeln nahm. Sie ruderten hinaus auf den Kantower See, in aller Frühe, wenn Himmel und Wasser noch gar nicht geschieden waren; Opa steckte ihm den Köder auf, suchte die guten Stellen, warf den Ankerstein über Bord, und dann saßen sie beide und blickten auf die Pose und über das Wasser oder einem Vogel hinterher - geredet werden durfte nicht. Das verscheuchte die Fische.

Als er dann seine erste Plötze ins Boot zog, da war er aufgeregt und stolz - und enttäuscht, als Opa sagte, dass die Katze sich freuen würde. Er wurde kein Fischjäger. Angeln blieb ein Leben lang für ihn - nun, nicht eine Leidenschaft, aber doch ein guter Vorwand, nachzusinnen oder einfach nur zu gucken. Nur sitzen und gucken.

Oma versorgte den Haushalt und hatte Zeit für Enkel. Leider gab es nur zwei, den Thomas und die Rike. Rike, genauer Marie, war das Kind von Brigittes Schwester Hiltrud. Die beiden Neuberliner fanden Kantow aufregend. Überall stand Vieh in den Ställen, gackerten Hühner umher, konnte man, wenn man gewitzt war, Eier finden, wenn ein Huhn verlegte. Großmutter schickte sie zum Fischer, früh, wenn er seinen Fang sortierte, um einen Zander oder Schlei. Sie sahen Saat und Ernte auf den Feldern, durften auf altersschwachen Traktoren mitfahren oder vor dem Konsum sitzen, wo alle Kantower vorbeikamen und darauf warten, dass etwas passierte. Aber in Kantow passierte nie etwas.

Als er größer wurde, hielt er sich oft in den Ställen auf.

Die Bauern duldeten ihn. "Er bringt Glück!", sagten sie. Das rührte von einem Vorfall her, der sich ereignete, als Thomas zehn geworden war. Bei einem Bauern sollte ein Kalb zur Welt kommen. Die Kuh stand und brüllte, geschüttelt von den Wehen. Doch das Kalb lag verdreht, und der Tierarzt war auf Tour, das Handy noch nicht erfunden. Der Bauer gab auf, am Strick zu zerren, der das Kalb aus dem Leib holen sollte. Er rannte noch einmal zum Telefon in der Hoffnung, den Arzt endlich zu erreichen.

Thomas und Rike standen an der Stalltür. Den Kindern tat die brüllende Kuh leid. Rike umfasste ihren Kopf mit den rot unterlaufenen, traurigen Augen, Thomas strich ihr den Leib entlang, der das Kalb barg. Das Tier beruhigte sich, knickte plötzlich mit den Hinterfüßen ein, brüllte noch einmal - und da rutschte das Kalb heraus. Thomas hatte schon ein Dutzend Mal gesehen, was zu tun war. Er band die Nabelschnur ab und wischte das Neugeborene mit Stroh sauber. Als der Bauer völlig verzweifelt in den Stall zurückkam, weil immer noch niemand antwortete, traute er seinen Augen nicht.

Seitdem hatte Thomas überall Zutritt im Dorf. Er trieb sich nicht nur in den Ställen und auf den Feldern umher, er lernte auch das Segeln. Nicht, dass Opa Fischer davon Ahnung gehabt hätte, aber er liebte seinen Enkel über alles und wollte ihn wohl damit animieren, die Ferien hier zu verbringen. Also kaufte er eine alte Jolle, brachte sie mit seinen geschickten Händen auf Vordermann und überließ den Rest seinem Enkel. Der kippte einige Male um und beschloss dann doch, das Buch zu studieren, das Großvater dreingegeben hatte: "Wie lerne ich segeln!"

Oh, was war Opa stolz, als er zum ersten Mal im Vorschiff Platz nehmen durfte, zusammen mit seinem alten Zinkeimer, mit dem er immer die Kuhfladen holte. Es gab nämlich eine Insel im See, auf dem das Jungvieh sich tummelte, und die war seine Düngerkammer für die Gartenblumen. Bisher musste er rudern. Jetzt glitt er gemächlich an Bord der neuen Fregatte übers Wasser und hatte nur ab und an den Kopf einzuziehen, wenn sein Enkel, der alte Seebär, schrie: "Klar zur Wende! Re!"

Dann rauschte der Großbaum, der in Wahrheit eine Latte war, über seinen Kopf auf die andere Seite und Opa Fischer nickte anerkennend: Ein Teufelskerl, dieser Thomas!

5. Kapitel

Manchmal hätte Thomas gern einen Vater gehabt. Lehrer sind nicht immer taktvoll.

"Heute reden wir über Berufe. Nun, Thomas Fischer, welchen Beruf übt dein Vater aus?"

Thomas Mutter hatte gesprächsweise erfahren, dass Franz Kampfmüller inzwischen den Domchor in einem niederdeutschen Städtchen namens Keldorf leitete, aber es interessierte sie nicht, sie verdrängte es sofort. Sie schloss die Ereignisse ihrer Jugend weg, weil sie es nicht ertrug, hintergangen worden zu sein. Als Thomas zum ersten Mal nach seinem Vater fragte, wehrte sie ab und vertröstete auf später; als er dann hartnäckiger wurde, erklärte sie, dass jener Vater in einem anderen Land lebe.

Wer keinen Vater hat, erfindet sich einen. Als der Lehrer, der in einer Stunde nur vertrat, aber unwissentlich eine schwärende Wunde aufriss, indem er den elfjährigen Thomas nach dem Beruf seines Vaters fragte, erklärte der Junge kühl, er dürfe darüber nichts erzählen, das sei geheim. Längst hatte er ihn zu einem bedeutenden Kundschafter verklärt, der in den Hochburgen des Feindes nach den immer neu geplanten Anschlägen auf den Sozialismus fahndete.

Die Antwort erregte einiges Aufsehen in der Klasse. Sie brachte zunächst die Stichler und Spötter zum Verstummen, die an einem fehlenden Vater die eigene Überlegenheit festmachten. Aber sie wurde auch im Lehrerkollegium eifrig beredet und wohl auch weitergemeldet, denn bei Brigitte Fischer erschien ein Genosse des Ministeriums für Staatssicherheit, so unauffällig, dass sie ihn hinterher nicht hätte beschreiben können, und fragte sie, wer der Vater ihres Kindes sei? Ob sie ihn überhaupt kenne?

Brigitte Fischer konnte nett lächeln, sie hatte ja immer noch die schwelenden Lippen und sah mit achtundzwanzig Jahren zum Anbeißen aus. Sie antwortete freundlich: "Ja, ich kenne den Vater meines Kindes!"

"Und wer ist es?"

"Was interessiert Sie das?"

Der Bote des Ministeriums konfrontierte sie mit der Antwort ihres Sohnes und fügte an, dass man daraus durchaus den Schluss ziehen könne, sie unterhalte einen Kontakt zu einem amerikanischen Agenten beispielsweise, denn warum dürfe sonst ein Kind nicht über den Vater reden? Ja, er ging noch weiter und deutete an, es wäre ihr Schade nicht, wenn sie über die Kontakte mit jener Person regelmäßig berichten würde. Nun wurde es Brigitte Fischer zu dumm.

Sie sprach: "Es gibt einen Vater, da haben sie völlig richtig vermutet. Aber ich erinnere mich nicht mehr an ihn, ich habe sogar seinen Namen vergessen und habe keinerlei Kontakte zu ihm, seiner Familie, seinen Kindern, falls er welche hat oder zu Personen aus seiner Umgebung. Alles klar?"

Sie hatte das Ministerium für Feindberührung unterschätzt.

Die hatten längst, um auch die kleinste Einfallstelle des Klassengegners aufzudecken, in Kantow recherchiert. Und wenn auch das Jugendamt in seinen Akten keinen Vater kannte, so doch die geschwätzigen Kantower.

"Der Vater ihres Kindes heißt Franz Kampfmüller, geht dem Beruf eines Kirchenmusikers nach und reist auffällig oft nach Berlin. Treffen Sie sich mit ihm?"

Nun, sie traute Kampfmüller jeden Verrat zu, auch dass er die ostdeutschen Kirchenmusiker allesamt für den CIA anwarb, aber es interessierte sie nicht.

"Tut mir leid!", sagte sie. "Ich wiederhole, keinen Kontakt zum Kindesvater zu haben! Ich nehme an, Sie können das problemlos überprüfen?"

"Können wir!", sagte der Genosse stolz und hatte so das Gesicht gewahrt. Frau Fischer schärfte abends dem Sohn ein, über seinen Vater nichts als "keine Ahnung!" zu sagen, was ja auch der Wahrheit entsprach. Sie ließ auch kein Aber gelten - im Grunde war sie sehr autoritär.

6. Kapitel

Das alte Märchen vom Fischer und seiner Frau hat viele Aspekte. Einer davon ist die dort geschilderte Sichtweise der Frau auf den Mann: Männer sind plötzlich eintretenden Situationen wenig gewachsen. Sie haben einen Wunsch frei und vergeben ihn. Es ist die Frau, die das männliche Dasein kontrolliert und korrigiert.

Es könnte dies eine passende Stelle sein, Thomas Fischers spätere Frau einzuführen. Sie heißt Ilsebill Witt, stammt ebenfalls aus dem Norden des Landes, genauer aus dem Nordosten. Wo Thomas auf die Mecklenburger Bucht blickte, die westlich von Fehmarn und Lübeck begrenzt wird, da sah sie die Wellen der Pommerschen Bucht, in der sich die Ostseewellen mit dem Oderwasser mischen.

Ilsebill trug um diese Zeit - die Staatsgrenzen der DDR waren längst geschlossen - schwarze Korkenzieherlocken zu dunkelbraunen Augen und hatte mit ihren acht Jahren bereits begriffen, dass man mit Lachen mehr erreicht, als mit Weinen und Trotzen. Sie war das, was man ein süßes Kind nennt, dazu neugierig und auch ein wenig berechnend. So wusste sie früh, wer von den Besuchern etwas mitbrachte. Der kriegte einen Kuss, Geizhälse aber nicht.

Ihre Mutter Ilselott Witt arbeitete in der örtlichen Produktionsgenossenschaft der Fischer. Sie erledigte dort die Buchhaltung, hatte stets etwas im Topf und zugleich eine zweite Währung zur Hand, wahlweise Dorsch oder Hering, mit der man sich hier im Osten viele Dienstleistungen erkaufen konnte. Mutter Witt war hoch aufgeschossen, und musste den Kopf einziehen, wenn sie das elterliche Haus betrat. Ihre Körpermaße hatten dazu geführt, dass sie früh für den Schwimmsport entdeckt und auf eine Kinder- und Jugendsportschule nach Rostock geschickt worden war. Dort entwickelte sie sich zu einer Langstreckenschwimmerin, die bald erste, kleinere Titel holte. Sie besaß ein zurückhaltendes Naturell, ganz im Gegensatz zu ihrer späteren Tochter, sprach wenig, trainierte fleißig und galt in der Sportschule als kommender Stern.

Mit sechzehn gewann sie einen DDR-Titel, mit siebzehn wurde sie nach Leipzig zur Europa-Meisterschaft geschickt und siegte über 800 Meter mit einer Fabelzeit: 9:25! Es war ein Rausch! Sie wusste: jetzt hatte sie es geschafft. Die nächsten fünf Jahre würde sie die DDR in der ganzen Welt vertreten, dazu stand die Olympiade vor der Tür. Ihre Mannschaftskameraden gratulierten ihr voller Neid, sie bedankte sich bei Jochen, ihrem Trainer für die gute Zusammenarbeit; weil sie ihr Programm absolviert hatte, durfte sie Sekt trinken und schwamm in Glückseligkeit Vor ihrem Zimmer küsste sie diesen netten Jochen, diesen Muskelmann und Vaterersatz. Er hatte sie nie angeschrien. Er legte stattdessen gern seinen Arm um ihre Schulter und erteilte ihr dabei freundschaftliche Ratschläge - wobei sie nicht genau wusste, ob er die Ratschläge durch persönliche Zuwendung verstärken wollte, oder ob sie eher ein Alibi waren, seinen Schützling ein wenig an sich zu drücken.

Ihr Kuss an diesem Abend war als Abschied gedacht, doch er küsste zurück, die Sympathie trug beide über die Schwelle in das kleine Zimmer, das sie allein bewohnte. Sie fand, es sei Gelegenheit, ihre Dankbarkeit abzugelten. Sie holte ihn zu sich, umarmte ihn, erlebte zum Meistertitel noch dies!

Ein Vierteljahr später war Jochen, ihr Trainer, entlassen. Er hatte sie gedrängt, das Kind "wegzumachen", wie er sich ausdrückte, aber sie verweigerte die Abtreibung und damit die Vertuschung des Geschehens durch den Klub. Sie war erzogen, ein Kind für heilig zu halten und liebte ja auch diesen Jochen! Aber der, einmal gefeuert, hasste sie plötzlich und gab ihr alle Schuld.

So war ihrer beider Karriere beendet. Die Welt, die sie erobern wollte, sah sie in den nächsten Jahren nur im Westprogramm des Fernsehens. Während der Schwangerschaft erlernte sie die doppelte Buchführung und kehrte ins Elternhaus zurück. Eine ruhige, stille Mutter - der Klatsch im Dorf hörte bald auf.

Ilsebill, die süße Tochter, war beliebt, hopste die Felder von "Himmel und Hölle" ab, spielte gern mit der mechanischen Rechenmaschine ihrer Mutter und addierte die Zahlen, die ihr zugerufen wurden. Sie sehnte sich viel mehr als Thomas nach einem Papa. Es gab viele männliche Wesen, von Opa angefangen über die Brüder und Schwäger ihrer Mutter, dass sie eigentlich kein Verlangen tragen sollte, einen eigenen Vater zu wünschen. Aber es gibt in der Elternschaft auch eine praesexuelle Komponente: so wie Jungen auch von der Frau in der Mutter angezogen werden, so Mädchen vom männlichen Geschlecht im Vater. Sie ernannte Opa zu ihrer Vertrauensperson, und besprach die wichtigen Dinge im Leben häufiger mit ihm als mit ihrer Mutter.

7. Kapitel

Der kleine Thomas blieb vaterlos. Männer sah er gelegentlich beim Abendbrot - aber sie kamen nur zwei- oder dreimal wieder. Sie genügten nicht den Anforderungen seiner Mama. So musste er sich nicht auf sie einlassen

Seine Mutter suchte ihm beide Eltern zu ersetzen, er lernte sie als streng und zärtlich kennen. Es war eine Zweierbeziehung mit sehr unterschiedlichen Gewichten; Brigitte Fischer neigte ohnehin zum Bevormunden.

Stolz wie alle Eltern ging sie schließlich mit ihrem Sohn zum Abi-Ball, ließ sich zum ersten Tanz auffordern und ahnte, dass es auch der letzte sein würde. Sie sah zu, wie er mit allen Damen aus der Klasse tanzte, von denen allerdings keine ihrem scharfen Blick standhielt.

Dann zog er aus.