Inhalt



Axel Kruse

Ceres

Das Titelbild fehlt!

 

Atlantis



Eine Veröffentlichung des
Atlantis-Verlages, Stolberg
April 2018

Druck: Schaltungsdienst Lange, Berlin

Titelbild: Lothar Bauer
Umschlaggestaltung: Timo Kümmel
Lektorat und Satz: André Piotrowski

ISBN der Paperback-Ausgabe: 978-3-86402-587-7
ISBN der E-Book-Ausgabe (EPUB): 978-3-86402-593-8

Dieses Paperback/E-Book ist auch als Hardcover-Ausgabe direkt beim Verlag erhältlich

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www.atlantis-verlag.de

Für meinen Sohn Thorben


Geleitwort

Wir befinden uns in einer fernen Zukunft. Die Arschlöcher sind immer noch nicht ausgestorben und die meisten davon sind Menschen. Alles wie heute also.

Na ja, fast.

Die Bücher von Axel Kruse drehen sich nicht um antike Alienartefakte oder fetzige Photonentorpedos, sondern um Menschen. Menschen, die Mist bauen. Menschen, die versuchen, ihren Job ordentlich zu machen. Menschen, die von anderen Menschen verarscht werden. Alles wie heute also.

Na ja, fast.

Der vorliegende Roman spielt im Asteroiden »Ceres«. Es gab einen Todesfall, den die Hauptfigur untersucht, und zwar unmittelbar vor den anstehenden Wahlen. Schon wirft die hohe Politik ihr Netz aus, giert nach Kontrolle, nach Macht um jeden Preis.

Der Roman wirft uns mitten in dieses Netz und wir spüren mit jedem Zappeln unserer Glieder die Ohnmacht gegenüber dem, was da über uns kommt und uns verschlingen will.

Natürlich ist es kein Zufall, dass die terranische Regierungspartei, die auch auf Ceres nach der Macht strebt, »Alien Force Defense« heißt. Dementsprechend düster ist die Geschichte, die oft in engen Gängen tief im Inneren von Ceres spielt. Ja, es gibt irgendwo einen Hoffnungsschimmer. Ich glaube jedenfalls: Die Hauptfigur und ich, wir haben einen gefunden.

Vielleicht überleben wir ja lange genug, um irgendwann wieder bessere Zeiten zu erleben.

Alles wie heute also.

Im Ruhrgebiet, April 2018

Uwe Post

Kapitel 1
Ankunft auf Ceres

Ein Asteroid? Ein Planet? Oder irgendetwas dazwischen? Eigentlich war es egal. Ceres war das Tor zur Galaxis, und das bereits seit Jahrhunderten. Früher, da war Ceres das Zentrum des Asteroidenbergbaus. Früher, zur Zeit von ASTROMINC, der Asteroid Mining Incorporation, die damit begonnen hatte, hier Mineralien und Erze zu fördern.

Heute? Heute war Ceres das Tor zum Universum. Hier legten die wirklich großen Raumer ab. Hier lagen sie auf Reede. Hier konnte man den Puls der Galaxis spüren. Sicherlich, auch auf Luna gab es den großen Raumhafen und die Werften, aber das war kein Vergleich zu Ceres. Mit ihren knapp 1000 Kilometern Durchmesser war sie zwar nicht so beeindruckend wie Luna, aber immerhin ebenfalls kugelrund und daher für mich ein Planet, zumindest ein kleiner.

Es war meine erste Reise aus dem terranischen Kernsystem hinaus. Auf Luna war ich schon einmal gewesen, aber weiter war ich noch nie gekommen. Eigentlich kümmerlich angesichts der Größe des terranischen Einflussbereiches, aber bei meinem bescheidenen Gehalt und meinen beschränkten Kenntnissen … Auf einem Sternenschiff brauchte man eher selten einen gerade frischgebackenen Kriminalpolizisten, der sich binnen weniger Jahre vom einfachen Streifenbeamten hochgearbeitet hatte, und eine Passage auf einem der Luxusliner konnte ich mir nicht leisten.

So war Ceres kein schlechter Kompromiss. Ich hatte mich beworben und war genommen worden. Normalerweise wurden Loonies bevorzugt, weil man wohl davon ausging, dass sie besser mit der klaustrophobischen Enge der Gänge und Kavernen in Ceres Innerem zurande kamen, ging es ihnen auf Luna doch auch nicht anders. In meinem Fall hatte ich wohl unverschämtes Glück gehabt. Ich musste noch nicht einmal für die Passage Erde–Ceres bezahlen, die Gebühr dafür übernahm doch tatsächlich mein neuer Arbeitgeber.

Auf dem großen Bildschirm des Casinos des Liners, auf dem ich mich befand, wurde unsere Annäherung an Ceres live übertragen. Leider war das beileibe nicht so spektakulär, wie es sich anhört. Ceres war ein Planet, dessen Oberfläche unbewohnbar war. Das war nach wie vor so, auch wenn Menschen hier bereits seit Jahrhunderten wohnten. Sicherlich, man hätte mithilfe von Kraftfeldern eine Atmosphäre halten können, man hätte den Boden terraformen und besiedeln können. Aber zu welchem Preis? Da draußen, in der Unendlichkeit des Raums, gab es unzählige Welten, die einfacher zu haben waren.

Und trotzdem siedelten Menschen hier. Hier, in den alten Schächten und Kavernen, die vor so langer Zeit urbar gemacht worden waren, genauso, wie es auch auf Luna geschehen war. Sie waren hierhergekommen und geblieben. Zumindest ihre Nachkommen. Und jetzt kam ich. Würde auch ich bleiben? Meine Pläne sahen anders aus. Für mich war Ceres eher eine Art Zwischenstation auf dem Weg weiter nach draußen. Ich würde einige Jahre, Erdjahre, bleiben, aber nicht länger. Sobald sich zwischendurch eine Möglichkeit ergäbe, würde ich weiterziehen, das war der Plan.

Dennoch starrte ich gebannt auf den Bildschirm, während ich ab und zu eine weitere Tasse Tee zu mir nahm. Nach und nach konnte ich die Umrisse des Kleinplaneten erkennen, dann irgendwann einen Teil der Docks, auf die wir zuhielten. Und dann, geradezu urplötzlich, war, nach einem Aufblitzen riesiger Halteklammern, alles schwarz. Der Bildschirm war abgeschaltet worden.

Unser Kapitän machte sich mit einer Durchsage über die Bordsprechanlage bemerkbar. Er forderte die Passagiere auf, sich zu den Schleusen zu begeben und auszusteigen. Das Schiff würde nicht allzu lange hier verweilen. Es musste weiter zu den äußeren Planeten. Ganymed war das nächste Ziel. Mit Genugtuung nahm ich wahr, dass er in seiner Ansprache das Wort Bordsprechanlage benutzte. Machte er damit doch allen Passagieren klar, dass auch er sich auf die alten Werte besonnen hatte und zu den Begriffen der alten Sprache zurückkehrte und nicht jeden neumodischen Schnickschnack mitmachte, der uns Erdenmenschen von den Kolonien oder, schlimmer noch, den Nichtmenschen außerhalb des Solsystems aufgedrückt wurde.

Ich ergriff meine Tasche. Viele Habseligkeiten hatte ich nicht bei mir. Alles, was von Wert gewesen war, hatte ich verkauft, der Rest war auf dem Müll gelandet. Dann begab ich mich mit den anderen Reisenden zur nächstgelegenen Schleuse. Eine halbe Stunde später betrat ich den Boden von Ceres.

Auch wenn es für mich ein bedeutender Schritt war, fehlte etwas. Es fehlte die pathetische Musik im Hintergrund und vor allem fehlte allen Mitreisenden etwas: auch nur das geringste bisschen Ehrfurcht. Sie benahmen sich so, als ob sie in ihrer Heimatstadt auf der Erde einem Bus oder einem anderen öffentlichen Verkehrsmittel entstiegen waren und sich nun neu orientieren mussten, um zu entdecken, wo und wie es weiterging.

Nun, das musste ich auch. So strebte ich einem der Schalter zu, über dem in großen Lettern Einreise stand. Die Schlange davor war vergleichsweise kurz. Die vor den Transitschaltern waren wesentlich länger. Sehnsüchtig schielte ich hinüber. Dort standen die Menschen, die auf die großen Schiffe überwechseln wollten, die das Solsystem verließen. Ich rief mich innerlich zur Ordnung und zog meine Kleidung straff, wollte ich doch nicht so einen jämmerlichen Eindruck hinterlassen wie der Mann vor mir, der, verglichen mit dem Idealbild eines Menschen, einen etwas nachlässigen Anschein machte. Aber ich konnte mich ja auch irren, was ihn anging. Vielleicht hatte er ja auch nur etwas legerere Kleidung für die Reise bevorzugt und würde sich später eines Terraners würdiger erweisen.

Nach wenigen Minuten war ich an der Reihe. Neben meinem Fingerabdruck und dem Retinascan wurde nun mein Reisepass mit Verwunderung entgegengenommen. Der Beamte hinter dem Schalter blätterte in dem Dokument, wusste nicht so recht, was er damit anzufangen hatte. Ein Beweis mehr dafür, dass es dringend vonnöten war, dass Ceres wieder unter den Mantel Terras kroch, dahin, wo alle Menschen gehörten. Terra war schlussendlich unsere Heimat, die Wiege der Menschheit. Das hatten allzu viele vergessen da draußen, in den Weiten des Alls. Seltsam, dass es aber auch in Terras Hinterhof bereits so war.

Egal, ich wusste ja, dass es auf Ceres bald zu Neuwahlen kommen würde. Der jetzigen Regierungspartei wurden nur noch geringe Chancen eingeräumt, auch in Zukunft die Amtsgeschäfte zu führen. Ich würde dabei sein, wenn auch hier die Alien Force Defense mit einem haushohen Sieg das Parlament erstürmen würde. Die Partei, die sich auf die Fahnen geschrieben hatte, die Menschheit wieder zu einen, die fremden Einflüsse zurückzudrängen und Terra wieder zu dem zu machen, was es einmal gewesen war.

Und wenn es so weit war, war ich an der richtigen Stelle. In mich konnte man Vertrauen haben, was ja bereits die Ausstellung des Reisepasses auf meine Person bewies. Konnte ich doch damit theoretisch in jeden Winkel unserer Galaxie – na ja, in den von Menschen besiedelten Teil, ich wollte doch bescheiden und bei der Realität bleiben – ausreisen. Das wurde nicht wirklich jedem Menschen auf Terra bewilligt. Nur die wirklich verdienten, jene, die sich für ihr Vaterland einzusetzen bereit waren, wurden mit solchen Privilegien geehrt.

Der Mann hinter dem Schalter gab mir den Pass zurück. Sein gemurmeltes: »Den brauchen wir hier nicht« überhörte ich geflissentlich. Er würde seine Meinung sicher bald ändern.

Nachdem ich die Sperre passiert hatte, musste ich durch einen engen Gang. Ideal zur Aufruhrbekämpfung, konnten hier doch maximal zwei Personen gleichzeitig nebeneinander hergehen, und das auch nur eng aneinandergeschmiegt. Für mich, der ich unter freiem Himmel aufgewachsen war, war es der Beginn einer psychischen Belastung. Schöne Voraussetzungen für meine Arbeit hier, bestand Ceres doch ausschließlich aus solchen, Hunderte von Kilometer langen Gängen.

Letztlich gelangte ich zur Metrostation. Wollte ich die nächsten Stunden nicht zu Fuß unterwegs sein, war es sinnvoll, hier die öffentlichen Verkehrsmittel zu nutzen. Wie so oft waren die Nahverkehrsmittel wesentlich langsamer als die, die für die Langstrecken eingesetzt wurden. Und so war ich erst gut eine halbe Stunde später an meinem eigentlichen Ziel.

Die Plaza, der eigentliche Mittelpunkt von Ceres. Eine Kaverne, nicht ganz so groß und beeindruckend wie auf Luna, aber immerhin. Auf Terra hatten wir nichts Vergleichbares. Die Höhlendecke war mindestens hundert Meter hoch. In einer Richtung erstreckte sich der Hohlraum gut zwei Kilometer, in der anderen ungefähr fünfhundert Meter. In der Mitte befand sich ein lang gestrecktes Wasserbecken mit einem Durchmesser von hundert Metern. Luna musste hier Pate gestanden haben. Alles war ein wenig kleiner, für mich trotzdem beeindruckend.

Die Decke erstrahlte in dem Blau eines schönen Sommertages auf Terra. Sie wurde irgendwie illuminiert. Sogar kleine, sich bewegende Wolkenfetzen konnte ich ausmachen. Eine Reminiszenz an die alte Heimat der Menschen. Auch wenn die Gürtler sich nicht vorstellen konnten, unter freiem Himmel zu leben, nur darauf zu vertrauen, dass die Atemluft durch die Schwerkraft an Ort und Stelle gehalten wurde und nicht durch Stein und Stahl daran gehindert wurde, in das große Vakuum zu entfleuchen, war das hier doch ein Zeichen dafür, dass sie ihren Ursprung nicht vergessen hatten.

Ich suchte die mehrstöckigen Gebäude zu beiden Seiten des Kanals ab. Dort hinten konnte ich das Präsidium ausmachen. Ich nahm meine Tasche wieder auf, ich hatte sie abgestellt, um die Kulisse ungestört bewundern zu können, und machte mich auf den Weg.

»Wachtmeister Stepanek meldet sich zum Dienst«, sagte ich Haltung annehmend zu der Frau, die, in eine dunkelblaue Uniform gekleidet, hinter dem Empfangstresen saß.

Es dauerte ein wenig, bis sie mir ihre volle Aufmerksamkeit schenkte, der Bildschirm vor ihr oder vielmehr das, was derzeit darauf projiziert wurde, fesselte sie mehr. Sie mochte nicht viel älter sein als ich, höchstens Mitte zwanzig. Ihr schulterlanges braunes Haar trug sie zu einem Pferdeschwanz gebündelt.

»Wachtmeister?«, ihre Stimme klang irritiert. »Ich erwarte einen Inspektor zur Anstellung mit dem Namen Stepanek.«

Ich nickte. »Der bin ich«, sagte ich dann. Sollte ich ihr erklären, dass wir auf Terra zu den alten Dienstgraden zurückgekehrt waren? Sie machte auf mich nicht den Eindruck, dass sie das verstehen oder gar gutheißen würde.

»Schön, dass wir das geklärt haben«, sagte sie dann. »Haben Sie schon Quartier bezogen?«

Ich schüttelte den Kopf.

»Sie wissen nicht, wo?«, fasste sie nach.

Sie machte sich ein Spielchen mit mir, das war klar. Für sie war ich der Neuling, den man erst einmal einnorden musste. Selbstredend konnte ich nicht wissen, wo man mich unterzubringen gedachte, kannte ich mich hier doch überhaupt nicht aus. In meinem Vertrag stand lediglich inklusive Kost und Logis, wobei Letztere als Zweizimmerkaverne definiert war. Ich beschloss, nicht zu antworten.

Sie zog das Spiel weiter durch. »Inspektor, wir hier auf Ceres haben die Gepflogenheit, Fragen mit einem einfachen Ja oder Nein zu beantworten. Sollten die Fragen komplexer sein und demnach eine umfangreichere Antwort erfordern, so dürfen Sie auch in ganzen, wenn möglich verständlichen Sätzen darauf reagieren. Ich frage Sie also noch einmal: Sie wissen nicht, wo Sie untergebracht werden?«

Sie kostete das aus, das war klar. Ich gab klein bei. »Nein«, antwortete ich.

»Nein, Ma’am«, sagte sie bestimmt. »Ich bin Ihre Vorgesetzte, nur dass das klar ist.«

»Nein, Ma’am. Ich weiß nicht, wo ich untergebracht werden soll«, antwortete ich formvollendet.

Sie grinste mich an. »Sie gehen hier wieder zur Tür hinaus. Dann die Plaza rechts runter. Nach gut zweihundert Metern folgen Sie dem Gang nach rechts. Einen Kilometer weiter fängt das Wohngebiet an, in dem wir Sie einquartiert haben. Aaron Street Nummer 695. Hier ist Ihr Schlüssel.« Sie hielt mir doch tatsächlich einen kleinen Metallschlüssel hin. Dass Ceres rückständig war, war mir klar gewesen, dass sie hier noch nicht einmal über elektronische Schlösser verfügten, war mir neu.

Ich salutierte formvollendet, was ihr ein spöttisches Grinsen auf die Lippen zauberte, und drehte mich um. Wenn sie gerade nicht neue Mitarbeiter runtermachte, sah sie gar nicht so übel aus.

»Melden Sie sich in zwei Stunden wieder hier, Inspektor«, rief sie mir noch nach. »Dann ist Schichtbeginn.«

* * *

Meine Unterkunft war ein Loch, nur so kann ich es bezeichnen. Unter zwei Zimmern hatte ich mir etwas anderes vorgestellt. Das eine Zimmer beinhaltete mein Bett, viel mehr Platz war da auch nicht. Gerade mal ein Gang von dreißig Zentimeter Breite trennte es von der einen Wand. Die andere Wand war direkt an das Bett gebaut. Zumindest kam es mir so vor. Warum man nicht einen größeren Hohlraum in den Fels geschlagen hatte, erschloss sich mir nicht. Klaustrophobisch!

Das Wohnzimmer war ein wenig größer, wenn auch nicht viel. Hier standen ein Tisch und zwei Sessel. An einer Wand war ein überdimensionaler Bildschirm angebracht. Vom Wohnzimmer ging noch die Nasszelle ab. Eine winzige Toilette nebst Dusche und Waschbecken. Das war mein Domizil.

Pünktlich zum Schichtbeginn fand ich mich wieder im Präsidium ein. Die Frau saß noch immer hinter dem Tresen. Jetzt erst bemerkte ich das Namensschild an ihrer Uniform. Daniela Umbuke stand da in schwarzen Buchstaben auf weißem Grund. Die Schulterklappen ihrer blauen Uniform zierten zwei silberne Sterne. Mir sagten die Ranginsignien nichts. Aber wenn sie hier am Empfang Dienst schob, konnte es wohl kaum auf einen hohen Rang hindeuten.

Sie nickte mir schelmisch grinsend zu. »Da sind Sie ja wieder. Zufrieden mit der Unterkunft?«

Ich verzog mein Gesicht zu einer Grimasse. »Das ist eine komplexe Frage, die nach einer umfangreichen Antwort schreit«, antwortete ich. »Darf ich Sie zum Essen einladen, um der Antwort den nötigen Rahmen zu verleihen?«

Sie grinste mich nach wie vor an. Es hatte ihr ein wenig die Sprache verschlagen. Dann antwortete sie: »Heute Abend im Starlight auf der Plaza, um 20 Uhr, ist Ihnen das recht?«

Das wiederum hatte ich nicht erwartet. »Ich werde da sein«, versprach ich. »Wo muss ich mich jetzt einfinden? Ich meine, um die Uniform in Empfang zu nehmen und …«

Sie lachte. »Bevor wir Sie in Uniform stecken, wird noch etwas Zeit vergehen. Ich teile Sie jetzt erst mal einem Beamten zu. Sie werden in der Schicht von Kommissar Kress Dienst tun. Kress ist ein erfahrener Mann, von dem können Sie noch so einiges lernen. Das ist doch der Grund Ihres Hierseins?«

Ich nickte zustimmend. »Ja, Ma’am«, sagte ich dann schnell.

Sie lachte wieder. »Vergessen Sie das! Das ist nur peinlich, wenn Sie es bei anderen auch machen. Wir haben hier andere Umgangsformen.«

Sie hatte mich schon wieder hochgenommen. Aber was hatte ich erwartet? Hier war ich der Neuling. Wäre jemand von Ceres bei uns auf Terra zum Dienst erschienen, wir hätten ihn auch gebührend empfangen.

»Melden Sie sich auf der zweiten Etage in Zimmer 205 bei Kommissar Kress und sagen Sie ihm, ich hätte Sie geschickt. Da hinten ist die Treppe.« Sie wies undefiniert den Gang hinter dem Tresen hinunter.

»Und wo ist der Aufzug?«, fasste ich nach.

»Eins zu null für Sie«, sagte sie dann. »Der ist dort.« Sie wies hinter mich.

Ich drehte mich um. Ja, da war eine Tür in die Wand eingelassen. Daneben ein Touchpad.

»Wohl eher zehn zu eins für Sie«, entgegnete ich und berührte das Pad mit der Hand.

Die Tür verschwand lautlos nach links in die Wand. Ich blicke in einen Schacht, der sowohl senkrecht nach oben, als auch nach unten führte. Keine Kabine, lediglich ein Schacht. Unwillkürlich trat ich einen Schritt zurück.

»Rechts nach oben, links nach unten. Das gilt für alle Aufzüge hier auf Ceres«, sagte sie hinter meinem Rücken.

20 Uhr, Starlight. Ich war da, sie nicht. War auch das ein Test, eine Abreibung, die man hier dem Neuling verpasste? Ich beschloss, noch eine Viertelstunde zu warten und dann mein Wohnloch aufzusuchen. Enttäuscht und auch ein wenig wütend nippte ich an meinem Drink.

Eine Silhouette beugte sich über den Tisch. Sollte sie doch noch? Ich blickte auf. Kress ließ sich auf den Stuhl mir gegenüber fallen.

»Du lässt auch nichts anbrennen, was?«, sagte er. Ohne mich zu Wort kommen zu lassen, fuhr er fort: »Sie hat den Code deines Koms nicht. Also hat sie mich gebeten, dich zu informieren. Eigentlich wollte sie ihn von mir haben, den Code meine ich. Aber du hast ihn mir auch noch nicht gegeben. Also bin ich hergekommen.«

»Sie kann nicht? Kein Fake, keine Abreibung des Neulings?«, fragte ich.

Er lachte. »Nimm dich nicht zu wichtig, Junge. Die Welt dreht sich auch ohne dich. Nein, sie musste mit zu einem Einsatz. Wir haben hier einfach zu wenige Leute. Fast dreißig Millionen Einwohner auf Ceres, und dazu kommen noch die Mannschaften der Schiffe, die hier Station machen und gerne den Raumhafen und die angrenzenden Bezirke aufmischen. Da solltest du dir auch nicht unbedingt ein Quartier suchen. – Wir haben einfach zu wenige Leute. Deshalb heuern wir ja jetzt sogar Personal auf Terra an, aber das weißt du ja selbst.«

»Darf ich dich einladen? Zu einem Drink, meine ich.«

»Da sage ich nicht Nein«, antwortete er.

Der Abend wurde noch recht lang. Er erzählte mir von seinen Fällen, ich ihm von meiner Jugend und Kindheit auf Terra. Und von meinen Träumen. Seine einzige Erwiderung darauf war: »Da sind die Wiesen auch nicht grüner!« Er war schon ein merkwürdiger Kauz.