Fabian Vogt

Luther für Neugierige

Das kleine Handbuch

des evangelischen Glaubens

Fabian Vogt ist Pfarrer, Schriftsteller und Künstler. Er hat Theologie, Germanistik und Gesang studiert und arbeitet in einer Gemeinde im Vordertaunus bei Frankfurt. Mehrere seiner Romane und Kurzgeschichten wurden für Literaturpreise nominiert. 2001 gewann er den „Deutschen Science Fiction Preis“. Außerdem schreibt der promovierte Theologe kurzweilige Sachbücher zu geistlichen und gesellschaftlichen Themen – wenn er nicht gerade mit der Kabarettgruppe „Duo Camillo“ deutschsprachige Bühnen unsicher macht. Fabian Vogt lebt mit seiner Frau und seinen Kindern in Oberstedten.

Bibliographische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliographie; detaillierte bibliographische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

4. Auflage 2013

© 2012 by Evangelische Verlagsanstalt GmbH · Leipzig

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt.
Jede Verwertung außerhalb der Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar.

Gesamtgestaltung: Kai-Michael Gustmann, Leipzig

Coverabbildung: Thees Carstens

ISBN 9783374035984

www.eva-leipzig.de

Für Martin L.

Inhalt

Titel

Über den Autor

Impressum

Widmung

Vorwort

Der evangelische Glaube

Was man über die Weltreligionen wissen sollte

Was man über die Konfessionen wissen sollte

Fünf Fakten über die Protestanten in Deutschland

Fünf Unterschiede zwischen Katholiken und Protestanten

Martin Luther und seine Welt

Was man über Luther wissen sollte

Was man über die Reformation wissen sollte

Was man über Gnade wissen sollte

Zehn wichtige Sätze Luthers

Zehn markige Sprüche Luthers

Fünf andere Reformatoren

Martin Luther und die Bibel

Was man über die Bibel-Übersetzung wissen sollte

Fünf Missverständnisse beim Umgang mit der Bibel

Was man über das Bibellesen wissen sollte

Sieben seltsame Gebote aus dem Alten Testament

Zehn wichtige Geschichten aus dem Alten Testament

Zehn wichtige Geschichten aus dem Neuen Testament

Der evangelische Gottesdienst

Was man über den Gottesdienst wissen sollte

Was man über den Pfarrer wissen sollte

Was man über die Liturgie wissen sollte

Was man über das Kirchenjahr wissen sollte

Was man über das Taufen wissen sollte

Was man über die Konfirmation wissen sollte

Was man über das Heiraten wissen sollte

Glaube konkret

Fünf anregende Gründe für das Christentum

Fünf praktische Tipps zum Glauben

Fünf praktische Tipps zum Beten

Martin Luthers Kleiner Katechismus

Die Zehn Gebote

Das Glaubensbekenntnis

Das Vaterunser

Die Taufe

Das Abendmahl

Morgen- und Abendgebet

Schlusswort

Register

An unserer Freude sehen wir, wie stark wir glauben.

Denn wer stark glaubt, der freut sich.

— Martin Luther —

Vorwort

Wie war das noch mal mit Luther und der Reformation? Was glauben evangelische Christinnen und Christen – und was nicht? Wie benimmt man sich in einem Gottesdienst? Was passiert beim Abendmahl tatsächlich? Worum geht es genau in der Bibel? Ist Katechismus etwas Ansteckendes? Gilt Gottes Gnade wirklich allen Menschen? (Also auch dem Typen von nebenan, der seine hässlichen Sträucher durch unseren Zaun wuchern lässt?) Dürfen evangelische Männer katholische Frauen küssen? Wollen sie das überhaupt? Oder wären solche interkonfessionellen Lippenbekenntnisse ein Sakrileg, das mit sofortiger Exkommunikation bestraft werden sollte? Und: Sammeln evangelische Christen auch Reliquien? (Das sind meist kleine Stücke von Toten, die als besonders heilig gelten.) Wenn nein, warum eigentlich nicht? Wäre doch nett, oder?

Fragen über Fragen. Und mal ganz ehrlich! So einfach scheint das mit dem evangelischen Dasein nicht zu sein. Was ist das denn: „Evangelischer Glaube“? Eines macht jedenfalls stutzig: Es treten regelmäßig Leute aus der evangelischen Kirche aus, weil der Papst irgendwas gesagt hat, was ihnen nicht gefällt. Kein Scherz! Das passiert andauernd. Und ich behaupte: Würde man heute in der Bevölkerung eine Umfrage machen, was denn das Besondere, das wahrhaft Schöne am Evangelisch-Sein ist, dann wären die meisten Menschen ziemlich überfordert: „Äh, nun …“ Ja, selbst alteingesessene Protestanten wissen zwar, dass „wir irgendwie anders glauben als die Katholiken“ – aber was und wie, das … also das … das ist eben anders. Und es fällt vielen schwer, dieses „anders“ zu definieren. Dementsprechend fällt es den meisten Evangelischen auch schwer, ihr Selbstverständnis profiliert und einladend zu vermitteln. Und wenn es dann auch noch darum geht, zwischen „lutherisch“ und „reformiert“ oder „uniert“ – also den verschiedenen protestantischen Richtungen – zu unterscheiden, dann … ja, dann … dann ist man halt irgendwie evangelisch. Irgendwie!

Diesen Zustand möchte das vorliegende Buch gern ändern. Und zwar mit einem Augenzwinkern und einer gehörigen Portion Heiterkeit. Natürlich könnte man zum Thema „Was ist evangelisch?“ endlos Fakten anhäufen und hochgeistige theologische Abhandlungen verfassen – aber das macht keinen Spaß. Mir jedenfalls nicht. Und Martin Luther, der uns das mit den verschiedenen Konfessionen ja eingebrockt hat, war immer ein Freund von frechen Formulierungen, markigen Sprüchen und heiteren Betrachtungen. Er hat mal geschrieben: „Eines ist klar: Wenn man über die Rechtfertigung predigt, dann schlafen die Leute ein oder husten; wenn man aber anfängt, Geschichten zu erzählen und anschauliche Beispiele zu bringen, dann spitzen sie die Ohren und hören aufmerksam zu.“ In diesem Sinne soll „Luther für Neugierige“ Lust machen, auf unterhaltsame Weise die Feinheiten, aber auch die Ecken und Kanten des Protestantismus kennenzulernen. Und keine Sorge: Glauben hat immer mit Lebensfreude zu tun – das darf man auch spüren, wenn man sich damit auseinandersetzt.

Möchte man im 21. Jahrhundert irgendwoher Antworten bekommen  – etwa weil der Computer kryptische Warnmeldungen ausspuckt, das Auto fürchterlich quietscht und qualmt, ein unbekanntes, zwei Meter langes Reptil im Garten herumkriecht oder die Liebesbeziehung in die Weltfinanzkrise gerät –, dann googelt man. Mehr oder weniger erfolgreich. Oder man besorgt sich … genau: ein Handbuch. Zum Nachschlagen. Und das, was Sie gerade in den Händen halten, ist ein Handbuch. Eben eines des evangelischen Glaubens. Und es hat den festen Willen, ihre Fragen zu beantworten: Fundiert, hilfreich, übersichtlich und fröhlich verschafft es einen Überblick über die Entwicklung des Protestantismus, seine Geschichte, seine Kirche(n) und seine kulturellen Erscheinungsformen. Das heißt: Sie können dieses Buch von vorne nach hinten lesen oder sich einfach die Kapitel raussuchen, die Sie besonders interessieren. Lesen Sie so, wie es Ihnen guttut. Ich bin der Überzeugung: Das mit dem Glauben an Gott ist schon herausfordernd genug, da darf man sich mit dem nötigen Hintergrundwissen ruhig entspannt auseinandersetzen.

Nun könnte natürlich jemand kritisch anmerken: „Ist das mit dem Evangelischen im Zeitalter des Relativismus wirklich noch entscheidend? Nähern sich die Religionen und Konfessionen nicht ohnehin immer weiter aneinander an? Ist es nicht egal, was man glaubt?“ Na, da bin ich anderer Meinung. Mitgliederbefragungen der „Evangelischen Kirche in Deutschland“ (EKD) belegen nämlich, dass die Menschen zwar nicht weniger glauben als früher (im Gegenteil, man spricht in der Forschung sogar von einer „Renaissance des Religiösen“), aber sie wissen immer weniger, was sie da glauben. Gar nicht schön. Denn ich behaupte: Mit „unscharfen“ Glaubensvorstellungen ist es wie mit einem Messer, das immer stumpfer wird. Irgendwann wundert man sich, dass man damit das „Brot des Lebens“ nicht mehr so richtig schneiden kann. Und was ist dann die Konsequenz: Man schmeißt das Ding eben weg. Wer braucht schon ein stumpfes Messer? Wirklich! Fragt man einen repräsentativen Personenkreis nach seinem Glauben, dann bekommt man in Deutschland als Antwort immer öfter: „Ja, natürlich glaube ich – an eine höhere Macht. Irgendwie gibt es da etwas, das Einfluss auf mein Leben hat. Jesus finde ich übrigens gut. Buddha auch. Und ich habe auch schon mal im 8. Jahrhundert gelebt – als rheumatischer Korbflechter in Offenbach. Und mittwochs rede ich per Kassettenrekorder mit meiner verstorbenen Erbtante, damit sie ihr Testament noch ändert.“ Mit dem lebendigen Gott der Bibel, der in Jesus Mensch wird, um seinen Geschöpfen ganz nah zu sein, hat diese diffuse „Macht“ kaum noch etwas zu tun. Und schwammige Ansichten helfen niemandem, das Leben zu bewältigen.

Mein Wunsch ist, dass dieses Handbuch den Glauben „schärft“ – wie ein Schleifstein ein Messer. Denn erst ein klarer, eigenständiger und bewusster Standpunkt macht diskussionsfähig und hilft, sich mit den eigenen und den Fragen anderer konstruktiv auseinanderzusetzen. Darum ist dieser freche Blick auf den evangelischen Glauben eines ganz gewiss nicht: anti-katholisch. Im Gegenteil. Wenn ich ermutigen will, das evangelische Profil zu schärfen, dann auch, weil ökumenische Arbeit erst sinnvoll wird, wenn man weiß, wer man selbst ist und welche Werte man vertritt. Insofern möchte „Luther für Neugierige“ tatsächlich ein konfessionsübergreifendes Lesevergnügen sein: für wissbegierige Evangelische, neugierige Kirchendistanzierte und mutige Katholiken. Ganz gleich, ob sie das Buch selbst erworben, zur Konfirmation, als Abschreckung oder zum Geburtstag bekommen haben: Steigen Sie ein in die wundersame Welt des evangelischen Glaubens! Zuvor aber versetzen Sie sich gedanklich bitte einmal ganz kurz in das Jahr 1517. Da fing nämlich alles an. Am letzten Tag im Oktober rafft ein junger Priester seine Kutte, steigt die Stufen zur Wittenberger Schlosskirche empor und nagelt dort 95 Thesen an die Tür, die sich kritisch mit dem auswuchernden Ablasshandel beschäftigen. Diese Thesen sollen zum Gespräch anregen. Das war damals so üblich: Die Kirchentür wurde wie eine Litfaßsäule genutzt, an der man sich öffentlich äußerte.1 Und Martin Luther, so heißt der Querdenker, findet es merkwürdig, dass man seit einiger Zeit für seine Sünden mit Geld bezahlen und sie dadurch (angeblich) bei Gott ablösen konnte: „Buy one, get one free“ – sprich: Kauf dir einen Ablass, dann hast du eine Sünde frei. Wie gesagt: Der Thesen-Anschlag sollte ein Beitrag zu einer ohnehin laufenden öffentlichen Diskussion sein. Und keiner, auch Luther selbst nicht, konnte ahnen, welche weltbewegenden Folgen seine 95 kritischen Anmerkungen zum Thema haben würden: Jemand schrieb Gegenthesen, es kam zu Streitgesprächen, die immer weiter eskalierten, im ganzen Land wurde an den Stammtischen und an den Hochschulen theologisiert, die Dominikaner zeigten den Wittenberger Wirrkopf Luther beim Papst in Rom an – und so weiter. Und der junge Priester, der eigentlich nur in seiner Kirche die Meinungsbildung hatte fördern wollen, war plötzlich der Kopf einer eigenen geistlichen Bewegung. Einer Bewegung, die von Anfang an massiv bekämpft wurde, sich bald in Kriege verwickelt sah und auf einmal überall Anhänger fand. Vielleicht, weil ihre Botschaft von der „Barmherzigkeit Gottes“ eine ungeheure Freiheit in sich trägt, die „Freiheit eines Christenmenschen“ wie Martin Luther selbst sie nannte. Allerdings: Statt einer christlichen Kirche gab es auf einmal zwei, dann noch mehr – eine ganze Vielfalt von Konfessionen, die seither miteinander um die Wahrheit des Glaubens ringen. Manchmal frage ich mich: Wenn Luther gewusst hätte, was seine Hammerschläge auslösen, hätte er seine Thesen dann trotzdem angeschlagen? Na? Ich glaube schon. Oder wie der große Reformator sagte: „Hier stehe ich. Ich kann nicht anders.“

Eine kurze Vorbemerkung noch: In diesem kleinen Handbuch verwende ich die Begriffe „evangelisch“ und „protestantisch“ – wie die meisten Menschen – quasi synonym. Ich möchte aber den charmanten Erbsenzählern sofort zurufen: „Ich weiß natürlich, dass es da einen Unterschied gibt.“ Die Bezeichnung „protestantisch“ bezieht sich auf den Protest einiger Fürsten, die auf dem Reichstag von Speyer im Jahr 1529 der katholischen Mehrheit widersprachen. (Das wird in diesem Buch auch noch genauer erläutert.) Sie ist also mehr ein politischer Titel, der heute gerne als kultureller Sammelbegriff verwendet wird. „Evangelisch“ dagegen ist die vom Glaubensverständnis bestimmte Selbstbezeichnung all der Kirchen und Christen, die aus der Reformation hervorgegangen sind. „Evangelisch“ bezieht sich dabei auf das Evangelium in der Bibel und hat somit eine deutlich stärkere inhaltliche Ausrichtung. Tja, und um das Kuddelmuddel noch zu vervollständigen, sei erwähnt, dass die „evangelischen Kirchen“ im Englischen „protestant churches“ heißen. Wer soll da noch durchblicken? Also: Weil dies ein Handbuch für Neugierige ist, das vor allem wichtige Zusammenhänge deutlich machen will, sei die kleine sprachliche Ungenauigkeit mit „evangelisch“ und „protestantisch“ erlaubt.

So, und jetzt lassen Sie uns gemeinsam versuchen, dem Geheimnis von Martin Luther, diesem übermütigen Mann aus dem 16. Jahrhundert, auf die Spur zu kommen und zu verstehen, warum seine Erkenntnisse von Gott für die Welt so bahnbrechend waren und bis heute sind. Es lohnt sich.

Eine anregende Lektüre wünscht

Fabian Vogt

Gottes Barmherzigkeit ist wie der Himmel.

Unter diesem Dach sind wir sicher, wo immer wir auch sind.

— Martin Luther —

Der evangelische Glaube

Die überwiegende Mehrheit der Menschen ist religiös. Ja, wirklich! Die „Ungläubigen“ (oder besser: Atheisten = ohne Gott Seiende) sind weltweit betrachtet eher eine Randgruppe (~ 4 %). In Europa allerdings eine spürbar wachsende. Seit die Denker der Aufklärung die westliche Welt ermutigt haben, alle Autoritäten kritisch infrage zu stellen und die empirischen Wissenschaften nur noch das gelten lassen, was man beweisen oder mit dem Verstand erklären kann, tun sich viele Leute mit dem Glauben zunehmend schwer. Schade – eigentlich. Denn ein gesunder Glaube braucht den Verstand. Zugleich ist es ja ein besonderes Zeichen von Vernunft zu erkennen, dass man eben nicht alle Dinge auf der Erde erklären kann: die Liebe zum Beispiel, die Hoffnung, das Vertrauen, den Glauben, die Schönheit, Gott – ja, nicht einmal den beinahe unwirklichen Erfolg von Tokio Hotel oder Lena.

Logisches und rationales Denken sind unglaublich wichtig. Aber: Wer nur glaubt, was er sieht, der führt auch ein ziemlich reduziertes und verkopftes Leben. Fast möchte man sagen: langweilig. Denn selbst wenn jemand nicht an einen Gott glauben kann, wird sein Leben erst dann reich, wenn er sich von Geschichten, Fantasien, Emotionen und der Frage nach dem Sinn seines Daseins berühren lässt. Das alles aber sind Erfahrungen und Zugänge zum Leben, die sich partout nicht beweisen oder erklären, sondern eben nur erleben und genießen lassen. Glauben berührt eine andere Dimension des Lebens als das Verstehen.

Zudem sind sich die Philosophen aller Völker und Epochen einig, dass zu einem gelingenden Leben Antworten auf die drei Grundfragen jeder Existenz gehörten: „Woher komme ich? Wohin gehe ich? Und wozu bin ich da?“ (Nebenbei: „Mama, Friedhof und ‚Hauptsache Spaß‘“ sind auf Dauer keine befriedigende Reaktion auf diese substanziellen Herausforderungen.) Wer solche Fragen verdrängt, beraubt sich selbst seines Fundaments. Außerdem fällt es ihm auch nicht so leicht, über sich hinauszuwachsen und sich als Teil der Weltgemeinschaft zu entdecken. Martin Luther hat diesen Gedanken einmal so ausgedrückt: „Das ist Glauben: Dass ein Mensch fühlt, was ihm fehlt, und er von dieser Krankheit gerne geheilt wäre“ ( Martin Luther und seine Welt).

Was man über die Weltreligionen wissen sollte

Religionen sind Versuche einer tragfähigen Antwort auf die großen Fragen der Menschheit. Und so unterschiedlich und bunt wie die Kulturen auf der Erde sind auch die Erscheinungsformen der Religion. Alle aber verbindet erstaunlicherweise die Vorstellung, dass das Leben des Menschen kein Zufall ist, sondern dass dahinter göttliche Kräfte walten. Komisch, oder? Tausende von ganz unterschiedlichen Völkern – und alle erklären sich die Geheimnisse des Menschseins mit der Existenz von himmlischen Mächten. Und alle empfinden das Bedürfnis, sich mit diesen Mächten in Verbindung zu setzen, mit ihnen zu kommunizieren. Weil das Dasein dadurch deutlich gestärkt und spürbar erfüllter wird.

Einige dieser Religionen haben sich im Lauf der Jahrtausende offensichtlich als tragfähiger und lebensstiftender als andere erwiesen. Und wenn ihre Anhänger dann sogar weltweit zu finden sind, spricht man gern von einer „Weltreligion“. Diese Definition ist in den Zeiten globaler Mobilität allerdings etwas schwammig, weil auch Anhänger von Scientology (~ 600.000) oder Zaroaster (~ 150.000) inzwischen auf jedem Kontinent zuhause sind. Egal. Wir zoomen uns in diesem Kapitel über die Weltreligionen und die christlichen Konfessionen langsam an den evangelischen Glauben heran. Voilà.

Klassischerweise spricht man von fünf großen Weltreligionen:

Christentum (etwa 2,1 Mrd. Anhänger)

Islam (etwa 1,3 Mrd. Anhänger)

Hinduismus (etwa 850 Mio. Anhänger)

Buddhismus (etwa 375 Mio. Anhänger)

Judentum (etwa 15 Mio. Anhänger)

Über diese Religionen sollte man Folgendes wissen:

Christentum

Das Christentum wurde im frühen ersten Jahrhundert von dem Juden Jesus von Nazareth in Palästina, dem heutigen Staat Israel, begründet. Nach seinem Ehrentitel „Christus“ (= „der Gesalbte“) wurde auch unsere westliche Zeitrechnung benannt: vor und nach Christus ( Zehn wichtige Geschichten aus dem Neuen Testament).

Jesus bezeichnete sich selbst mit einer eigenartigen Formulierung als „Menschensohn“. Die ersten Christen beschrieben das außergewöhnliche Verhältnis zwischen Gott und Jesus dagegen meist mit der Bezeichnung „Sohn Gottes“. Der „Sohn des Menschen“ lehrte den Anbruch einer neuen Zeit, in der sich nach und nach das Himmelreich in der Welt durchsetzen und er selbst eine besondere Aufgabe erfüllen werde. Weil Jesu Botschaft von der bedingungslosen Liebe und der Freundlichkeit Gottes viele irritierte, wurde er am Kreuz hingerichtet. Nach drei Tagen stand er aber wieder von den Toten auf (Ostern) und zeigte sich seinen Anhängern, bevor er in den Himmel fuhr. Für die frühen Christen war dabei sehr wichtig: Obwohl sie Jesus nun nicht mehr sahen, spürten sie doch überall seine Anwesenheit. Sie erlebten weiterhin seine Gegenwart – und das nicht mehr auf einen Ort oder eine Zeit begrenzt.

Als Heilige Schrift gilt den Christen die Bibel, eine Sammlung aus jüdischen und nachösterlichen Schriften („Altes und Neues Testament“), die in einer Zeitspanne von etwa 1.400 Jahren entstanden.

Islam

Der Islam wurde Anfang des 7. Jahrhunderts von Mohammed (= „der Gepriesene“), einem Handelsreisenden, im heutigen Saudi-Arabien gegründet. Islam bedeutet sinngemäß „Ergebung in Gottes Willen“ und Mohammed verstand sich als Überbringer einer Erlösungsbotschaft und als neuer Prophet des Gottes, der Allah („der Ewige“) heißt und von dem auch das Alte Testament der Juden und Christen erzählt. Allerdings verkündete Mohammed diesen Gott ganz anders, so dass eine eigene Religion entstand.

„Der Gepriesene“ lehrte, dass man Allah dadurch anbeten könne, dass man die fünf Säulen des Islam pflege: das Bekenntnis zur Einheit Gottes, das tägliche Gebet, das regelmäßige Fasten, die Durchführung einer Wallfahrt nach Mekka und das Spenden von Almosen. Wer in diesem Sinne als gläubiger Muslim sterbe, werde ins Paradies kommen.

Die heilige Schrift des Islam ist der Koran, eine Sammlung von Aussagen Mohammeds, die nach seinem Tod von einigen Anhängern zusammengefasst wurden.

Hinduismus

Der Hinduismus entwickelte sich im 2. Jahrhundert vor Christus in Indien. Er ging aus verschiedenen älteren Religionen hervor, die sich im Lauf der Zeit miteinander verbanden. In dieser Glaubensrichtung existieren daher sehr viele verschiedene Gottheiten, die verehrt und angebetet werden können.

Die Lehre des Hinduismus basiert auf dem Gedanken der Wiedergeburt: In allem Lebendigen ist ein Teil des göttlichen Geistes, der zu „Brahman“, der göttlichen Urkraft zurückfinden will. Ziel der Menschen muss es deshalb sein, den Kreislauf der Wiedergeburt zu überwinden. Dazu tragen Yoga, das Befolgen der Vedischen Texte und die Hingabe an einen Guru bei. Das Leben eines Menschen hat zudem großen Einfluss darauf, in welcher Kaste (= Bevölkerungsschicht) er wiedergeboren wird.

Es gibt im Hinduismus verschiedene heilige Schriften, die im Laufe der Jahrhunderte gesammelt wurden.

Buddhismus

Der Buddhismus wurde im 6. Jahrhundert vor Christus von Siddharta Gautama gegründet, einem nepalesischen Edelmann. Sein Ehrentitel lautet seither „der Buddha“ (= „der Erleuchtete“) und er gilt als der vollkommene Verkünder der Weisheit.

Siddharta lehrte, dass das Verhalten eines Menschen großen Einfluss auf seine nächste Wiedergeburt habe. Nur durch die Überwindung der menschlichen Begierden und durch moralisches Verhalten könne man den ersehnten Status der Erleuchtung erreichen, das Nirwana. Im Nirwana wird der als negativ empfundene Kreislauf der Wiedergeburten endlich durchbrochen. Eine Gottheit im engeren Sinne gibt es in dieser Religion nicht, eher ein göttliches System, dem der Glaubende entsprechen möchte.

Die heiligen Schriften des Buddhismus sind eine Sammlung von Predigten und Publikationen Buddhas.

Judentum

Das Judentum wurde im 2. Jahrtausend vor Christus von verschiedenen Väterfiguren gegründet (Abraham, Isaak, Jakob u. a.). Dabei schlossen sich wahrscheinlich mehrere Nomadenstämme und Völkergruppen zu einer Glaubensgemeinschaft zusammen, weil sie alle Erfahrungen mit der gleichen Gottheit gemacht hatten ( Zehn wichtige Geschichten aus dem Alten Testament).

Das Judentum verkündete als Erstes die Hingabe an einen einzigen Gott (Monotheismus), dessen Wirken und Werte in der Heiligen Schrift überliefert sind. Dieser Gott begleitet sein auserwähltes Volk Israel durch die Zeit und sehnt sich nach einer liebevollen Beziehung zu den Menschen. Bis heute warten die Juden auf einen Messias, der die ursprünglich gute Schöpfung Gottes wiederherstellt.

Die Heilige Schrift des Judentums ist die Thora (= „Gesetz“), eine Textsammlung aus verschiedenen Epochen der jüdischen Geschichte.

Was man über die Konfessionen wissen sollte

Das Christentum verbreitete sich zu Beginn in einer für eine Religion unglaublichen Geschwindigkeit. Bereits Ende des 4. Jahrhunderts wurde es im Römischen Reich zur offiziellen Staatsreligion ernannt, erreichte bis zum 8. Jahrhundert die äußersten Winkel Europas und sprang dann mit den großen Forschern und Entdeckern im späten Mittelalter auch auf die anderen Kontinente über.

Allerdings: Schon in den ersten Jahrhunderten gab es heiße Diskussionen darüber, wie man das Leben Jesu denn nun genau verstehen müsse. Vor allem an der Frage, ob Jesus als „Sohn Gottes“ „nur“ ein besonderer Mensch oder selbst Gott war, schieden sich die Geister. Schließlich wollte man nicht zwei Götter haben – den im Himmel und den auf Erden. Man einigte sich deshalb nach langem Hick-Hack auf die Formel „Jesus ist wahrer Mensch und wahrer Gott zugleich“. Aha! „Ja“, sagten dann wieder andere, „aber wie geht das denn, dass Gott und Mensch in einer Person zusammenstecken?“ Also wurde weiter gestritten. Diesmal kam man auf die etwas paradoxe Idee „Gott und Mensch sind in Jesus unvermischt, ungeschieden, unverwandelt und ungetrennt“. Das müssen Sie nicht verstehen. Wirklich. So richtig versteht das eh keiner. Nicht mal Theologen. Es zeigt aber, dass im Christentum von Anfang an gestritten und gerungen wurde. Und oftmals spaltete sich dabei auch die gesamte Anhängerschaft einer bestimmten geistlichen Richtung ab, sodass neue Konfessionen („Bekenntnisse“) entstanden.

Die meisten dieser Gruppen überlebten nicht lange, einige aber wurden zu großen christlichen Gemeinschaften, die schließlich als eigenständige Kirche existierten. Hier kommt deshalb das Wichtigste, was Sie über die verschiedenen Konfessionen wissen sollten:

Katholisch

Die katholische Kirche beruft sich direkt auf Petrus, einen Jünger (= Schüler und Begleiter) Jesu, den sie als erstes geistliches Oberhaupt betrachtet und in dessen Tradition sie von Anbeginn des Christentums steht. Deshalb gibt es im Katholizismus kontinuierlich einen Papst, der als geistliches Oberhaupt und als Nachfolger von Petrus die Kirche leitet.

Weltweit sind etwa eine Milliarde Menschen bekennende Katholiken. Das Geschenk des Glaubens bekommen sie in der Taufe. Aber der Glaube soll auch durch gute Werke, regelmäßige Glaubenspraxis und das Empfangen des Abendmahls gestärkt werden. Katholiken sind dabei der Überzeugung, dass im „Abendmahl“ (ein Brauch, zu dem Jesus eingeladen hat) die Gaben „Brot und Wein“ wahrhaftig zum Körper und zum Blut Jesu werden (das nennt sich: „Transsubstantiation“ = „Wesensverwandlung“) ( Was man über die Liturgie wissen sollte).

Die Bibel enthält in der „katholischen Version“ im Alten Testament 46 und im Neuen Testament 27 Schriften. Im Unterschied zur evangelischen Ausgabe findet man in ihr einige Texte, von denen Luther sagte, sie seien zwar „nützlich zu lesen“ aber nicht in gleicher Weise heilig wie die anderen Texte der Bibel. Interpretiert wird diese Sammlung dabei immer auch durch die Erfahrungen der Kirchengeschichte, schließlich ist die katholische Kirche nach eigenem Verständnis selbst „der Leib Christi“, also die Vergegenwärtigung Jesu in der Welt.

Evangelisch

Die Gründung der evangelischen Kirchen wurde 1517 durch Martin Luther ( Martin Luther und seine Welt) angestoßen. Luther ärgerte sich zu seiner Zeit vor allem über die Allmacht des Papstes, die Unverständlichkeit der mittelalterlichen Gottesdienste und den Gedanken, dass ein Mensch sich sein Heil verdienen oder erkaufen könnte. Wenig später, 1530, entstand die Augsburger Konfession, eine der ersten evangelischen Bekenntnisschriften.

Wie viele evangelische Christen es auf der Welt gibt, ist schwer zu sagen, weil nur in Europa protestantische Staatskirchen existieren. In den meisten Ländern findet man viele verschiedene Glaubensgemeinschaften, die sich „evangelisch“ nennen. Als Evangelische Kirchen im engeren Sinne gelten aber nur die lutherischen, die reformierten und die unierten Kirchen ( Fünf Fakten über die Protestanten in Deutschland). Zur „Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa“ gehört darüber hinaus noch die Methodistische Kirche (europäischer Teil). Aber auch Baptisten, Presbyterianer oder Siebenten-Tags-Adventisten verbindet mit den evangelischen Kirchen, dass sie dem Evangelium den höchsten Stellenwert zuschreiben. Heil erfährt der Mensch ihrer Meinung nach allein aus Gnade, weil Gott ihn liebt. Auf diese Gnade soll er mit einem Bekenntnis reagieren ( Was man über Gnade wissen sollte).

Die Bibel enthält in ihrer evangelischen Ausgabe im Alten Testament 39 und im Neuen Testament 27 Schriften.

Freikirchlich

In Deutschland gibt es neben den evangelischen Kirchen und der Römisch-katholischen Kirche, die sich nach wie vor als Volkskirchen verstehen, selbst wenn sie in vielen Gebieten längst keine Mehrheitskirchen mehr sind, viele weitere eigenständige christliche Kirchen und Gemeinden. Einige davon – wie beispielsweise die Methodisten – werden als „Freiwilligkeitskirchen“ bezeichnet – bzw. kurz als „Freikirchen“. Damit wird die Trennung vom Staat, die inzwischen längst auch die klassischen evangelischen „Landeskirchen“ vollzogen haben, unterstrichen. Zu einer Freikirche gehört man nicht automatisch durch die Taufe, sondern man muss – ganz und gar freiwillig – eigens eintreten, was oft mit einem Bekenntnisakt verbunden wird. Schon gar nicht ist man automatisch als Staatsbürger Kirchenglied, wie das früher z. B. bei der anglikanischen Staatskirche der Fall war, von der die Methodisten abstammen. Und es gibt bei den Freikirchen keinen automatischen Kirchensteuereinzug, sondern freiwillige Beiträge. Allerdings ist das deutsche Kirchensteuersystem sowieso eine Besonderheit, fast überall auf der Welt wird auch bei Katholiken und Lutheranern die kirchliche Finanzierung anders geregelt, was aber nicht zwangsläufig „besser“ sein muss. Das deutsche System hat nicht nur für die Kirchen Vorteile, weshalb es bis jetzt trotz periodisch wiederkehrender Diskussionen nicht abgeschafft wurde.

Schaut man auf die Organisation der freien Gemeinden, wird es noch vielfältiger: Manche haben sich unter Dachverbänden zusammengeschlossen. Einige bezeichnen sich selbst als Kirchen, teilweise auch als Freikirchen, andere sind diesem Begriff gegenüber skeptisch. Sofern sie zur „Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen“ (ACK) gehören, werden sie und ihre Amtshandlungen (etwa Taufen und Hochzeiten) aber auch von den anderen Kirchen anerkannt.

Sowohl freie Gemeinden als auch Freikirchen empfinden die volkskirchliche Religiosität oftmals als zu oberflächlich oder zu liberal. Für sie sind vor allem die Personen Teil der Kirche, die ihren Glauben aktiv in der Gemeinde praktizieren. Zudem unterscheiden sich die freien Gemeinden von den Volkskirchen oftmals durch den Stil ihrer Gottesdienste und ein wortwörtliches Verstehen der biblischen Texte, die nicht historisch-kritisch interpretiert werden.

Die Freikirchen haben als Ableger der evangelischen Kirche den protestantischen Kanon der Bibel übernommen.

Orthodox

In der frühen Kirchengeschichte entstanden aus den vielen einzelnen Gemeinden bald regionale Verwaltungseinheiten. Zum Beispiel die „Patriarchate“ Jerusalem, Antiochia, Alexandria, Konstantinopel und Rom. Allerdings zeigten sich schon im 4. Jahrhundert große Differenzen zwischen der Theologie im Westen (Rom, auch die „Lateiner“ genannt) und im Osten des damaligen Römischen Reiches. Auch wenn Zehn wichtige Geschichten aus dem Neuen Testament