Literaturempfehlungen

Wer Lust bekommen hat, den Geheimnissen Gottes weiter nachzuspüren, dem seien unter anderem folgende Bücher empfohlen:

Klaus Douglass, Fabian Vogt »Expedition zum ICH. In 40 Tagen durch die Bibel.« Deutsche Bibelgesellschaft 2006

Fabian Vogt, » Wo der Apostel baden ging. Ein Reiseführer durch die Bibel.« Kreuz-Verlag 2004

Über die Autoren

Dr. Martin Schultheiß, Jg. 1959, ist gelernter Physiker, arbeitet heute aber als Verleger, Dozent, Autor und Musiker. Seit 1990 tritt er mit Fabian Vogt im Musikkabarett »Duo Camillo« bundesweit auf.Von ihm sind unter anderem erschienen:

Daniel. Ein Kind besiegt den Krebs. Pattloch 2007 (mit Rita Peter und Christiane Scheppa)

Duo Camillo: »Sie müssen dran glauben«. CD 2005

Fabian Vogt, Jg. 1967, ist evangelischer Pfarrer, Künstler und Schriftsteller. Neben verschiedenen Sachbüchern hat er Romane und Erzählbände veröffentlicht. Mit dem »Duo Camillo« ist er als »Freiheitskämpfer« unterwegs. Von ihm sind unter anderem erschienen:

Moment mal! Radioaktive Andachten. Brendow 2010

Die wunderbare Welt der Christenheit. Brendow 2010

Die erste Ölung. Fantastische Geschichten. Brendow 2006

Bube Dame König. Roman. Brendow 2004

Zurück. Roman. Gerth Medien 2004 (ausgezeichnet mit dem Deutschen Science-Fiction-Preis)

Ich setze Liebe mit Freiheit gleich.

Die Liebe zu Gott kann nicht durch Gebote,

sondern nur durch einen Akt
der Willensfreiheit bewirkt werden.

ISAAC B. SINGER

Wo der Geist Gottes wirkt, da ist Freiheit.

2. KOR. 3,17

MARTIN SCHULTHEISS
UND FABIAN VOGT

Glauben ist ganz einfach -
wenn man nicht muss

Anregungen für eine befreite Spiritualität

Inhalt

Cover
Titel
Widmung
Impressum
Zitate
Inhalt
Vorwort
Von der Sehnsucht nach Freiheit
Die Weltretter
Die Kulturretter
Die Seelenretter
Die Selbstretter
Die Glaubensretter
Die Segensretter
Die Angstretter
1. Ein »Muss« ist viel einfacher als ein »Du darfst«
2. Ein »Muss« gibt mir das Gefühl, wichtig zu sein
3. Ein »Muss« lässt sich nicht in Frage stellen
Die 3 Freiheiten des Denkens
1. Logik ist nicht alles
2. Zweifeln macht Spaß
3. Selbstbewusstsein tut gut
Die 3 Freiheiten des Handelns
4. Liebe und tu, was du willst!
5. Prüft alles – und behaltet das Gute
6. Einsam bist du klein
Die 3 Freiheiten des Fühlens
7. Aus Erfahrung wird man fromm
8. Wer nicht genießt, ist ungenießbar
9. Geglaubt sei, was stark macht
10. Die Freiheit Gottes
Fazit
Literaturempfehlungen

Vorwort

Glauben ist ganz einfach - wenn man nicht muss. Und Gott sei Dank: In diesem Buch müssen Sie gar nichts. Sie dürfen ... und zwar alles. Sie dürfen es sogar gleich wieder weglegen. Aber wenn Sie Lust haben, dann laden wir Sie zu einer inspirierenden Entdeckungsreise ein. Zu einer kleinen Expedition, bei der es darum geht, der Freiheit des Glaubens auf die Spur zu kommen und dabei zwei Dinge herauszufinden: Was ist Freiheit? Und wie kann ein Mensch wirklich befreit glauben?

»Jesus Christus hat uns zur Freiheit befreit! Daran müsst ihr festhalten. Lasst euch ja nicht wieder durch irgendetwas versklaven.«
(Gal. 5,1)

Zuallererst: Wer im Innersten frei ist, der braucht keine Angst zu haben - vor nichts und niemandem. Auch nicht davor, dieses Buch zu lesen - selbst wenn es möglicherweise manche allzu lieb gewordenen Gewohnheiten in Frage stellt. Es gilt: Sie dürfen sich mit unseren freiheitsliebenden Gedanken auseinandersetzen, aber Sie müssen nicht. Weil es in der Freiheit kein »Muss« geben kann. Überall da, wo jemand Bedingungen an Sie stellt, die Sie erfüllen müssen, wird die Freiheit ausgehebelt.

Im christlichen Glauben gehört diese Freiheit von Anfang an zu den Grundwerten. Sie ist der Gegenentwurf zu all den Bindungen und Begrenzungen, die das Leben einschränken wollen. So schreibt beispielsweise Paulus, der erste christliche Theologe: »Wo der Geist Gottes ist, da ist Freiheit.« (2. Kor. 3,17) Und er betont den Wert dieser Freiheit immer wieder. Vor allem sagt er: »Jesus Christus hat uns zur Freiheit befreit! Daran müsst ihr festhalten. Lasst euch ja nicht wieder durch irgendetwas versklaven.« (Gal. 5,1)

Nun ist das Merkwürdige: Wenn man beobachtet, wie Menschen das Christentum in der Praxis leben und erleben, dann ist von dieser Freiheit oft wenig zu spüren. Es scheint, als versinke die Kirche unter einem Berg von Geboten, Strukturen, Vorschriften, Traditionen und ausgesprochenen oder unausgesprochenen Forderungen, die genau festlegen, wie das mit dem Glauben zu sein hat. Eine Sklaverei der Formen, die bestimmt nicht frei macht. Auf diese Weise wirkt Frömmigkeit oft eher abstoßend als ansteckend. Darum bemerkte ja schon Friedrich Nietzsche süffisant über die Christen: »Bessere Lieder müssten sie mir singen, dass ich an ihren Erlöser glauben lerne. Erlöster müssten mir seine Jünger aussehen.«

Ein Christentum, das nicht frei macht, hat mit Jesus wenig zu tun.

Damit sind wir beim Thema dieses Buches: Woher kommt es, dass der christliche Glaube, der befreien soll, oftmals eher als einengend und bedrückend erlebt wird? Und kann sich ein moderner oder gar postmoderner Mensch des 21. Jahrhunderts überhaupt noch ernsthaft auf den christlichen Glauben einlassen? »Ja«, sagen wir, und darum ist alles, was wir hier ausführen, ein Plädoyer für eine aufgeklärte, unverkrampfte und lustvolle Frömmigkeit, sozusagen eine geistliche Entrümpelung des Glaubens, bei der wir eine Bestandsaufnahme dessen versuchen, was sich in Jahrtausenden an Unfreiheiten, Missverständnissen, Ängsten, Unsicherheiten, Dogmen, Ideologien und Vorurteilen ins Christentum eingeschlichen hat. Letztlich geht es uns darum, dass Glaube wieder zu einer lebensfördernden, leidenschaftlichen, tröstenden und wohltuenden Erfahrung werden kann. Denn ein Christentum, das nicht frei macht, hat mit Jesus wenig zu tun. Also: Schluss mit lustlos!

Wir haben für unser Vorhaben einen sehr konkreten Weg gewählt: Wir stellen Ihnen erst einmal ein Panoptikum markanter religiöser Auswüchse vor - und dann 10 existenzielle Freiheiten, oder besser gesagt: 10 Aspekte der einen großen Freiheit, die nicht nur für einen gesunden Glauben, sondern für das Leben an sich von entscheidender Bedeutung ist. Und wir zeigen, wo und warum wir diese Freiheit bedroht sehen und wie man sich dagegen schützen kann.

Bei aller kritischen Auseinandersetzung mit kleinmachenden Strukturen geht es in diesem Buch vor allem darum, die 10 Freiheiten als dem Leben zugewandte, spirituelle Angebote zu entdecken, die den Horizont weiten und die Selbstständigkeit fordern - in alldem, was unser Denken, unser Handeln und unser Fühlen bestimmt. Dieses Buch will also in die Freiheit und in die Leichtigkeit führen. Trotzdem ist es nicht unbedingt ein leichtes Buch. Denn die geistlichen Umgangsformen, denen wir auf den Zahn fühlen, sorgen ja auch nicht gerade für Heiterkeit. Zumindest noch nicht.

Unsere Gedanken wollen in erster Linie anregen, inspirieren, motivieren, ermutigen und natürlich auch provozieren. »Provozieren« kommt von dem lateinischen Wort »Provocare« und bedeutet »Herausrufen« - aus allem, was Menschen einengt. Und das Beste, was aus einer Provokation werden kann, ist ein angeregter, offener Austausch darüber, was denn nun trägt im Leben. Darum verkünden wir hier auch keine geschlossene Theologie, keine allein selig machenden Wahrheiten, sondern verstehen uns selbst als Lernende, die eine großartige Erkenntnis wiederentdeckt haben: Glaube und Zwang schließen sich gegenseitig aus. Oder positiv formuliert: Freiheit ist eine eminent wichtige, unverzichtbare Voraussetzung für einen gesunden christlichen Glauben.

Dieser Idee wollen wir in diesem Buch nachgehen und Sie einladen: zum Nachdenken, zum Ausprobieren, zum Wider-sprechen. So wie es Luther mit seinen 95 Thesen hielt, die er als Professor öffentlich zur Diskussion stellte und die er bewusst zuspitzte, um Gespräche anzuregen - nicht etwa, um sie zu beenden. So wie auch Papst Benedikt XVI. in seinem bekannten Jesus-Buch bewusst auf jede lehramtliche Autorität verzichtete und seine Leserinnen und Leser zum Widerspruch geradezu einlud. Das ist übrigens gelebte Theologie: Miteinander über Gott reden.

Jesus hat ziemlich selbstbewusst gesagt: »Wenn ich als Sohn Gottes euch frei mache, dann seid ihr wirklich frei.«
(Joh. 8,36)

Prüfen Sie also ruhig unsere Thesen, testen Sie sie auf Belastbarkeit, freuen oder ärgern Sie sich darüber, verfeinern Sie die Argumentation und ergänzen Sie für sich die Aspekte, die wir übersehen haben. Und wenn Sie uns einen Irrtum nachweisen können, dann teilen Sie uns das bitte mit. Wir freuen uns immer, wenn wir etwas dazulernen.

Jesus hat einmal ziemlich selbstbewusst gesagt: »Wenn ich als Sohn Gottes euch frei mache, dann seid ihr wirklich frei.« (Joh. 8,36) Wir möchten mit Ihnen zusammen herausfinden, ob das stimmt, und freuen uns, wenn die hier vorgestellten Gedankenanstöße Ihnen helfen, Glauben (neu) als befreiende Erfahrung zu erleben - ganz gleich, ob Sie überzeugter, zweifelnder oder verzweifelter Christ sind, mit dem Christentum vielleicht gar nichts (mehr) anfangen können, alte Verletzungen mit sich herumtragen oder einfach als zufriedener Atheist aus purer Neugier wissen wollen, ob Freiheit und Glauben wirklich zusammenpassen.

Martin Schultheiß & Fabian Vogt

Vieles von dem, was wir in diesem Buch beschreiben, beschäftigt uns auch als Kabarettisten - und wir singen und erzählen davon leidenschaftlich gern auf Kleinkunstbühnen. Einige der dabei entstandenen, frech-poetischen Texte haben wir mit aufgenommen. Zum Beispiel diese kleine Sammlung von Vorurteilen gegenüber Christinnen und Christen. Falls es welche sind.

Fromme Leute

Fromme Leute lesen täglich Bibel.

Fromme Leute machen niemals blau.

Fromme Leute klauen keine Löffel.

Fromme Leute fluchen nicht im Stau.

Fromme Leute lächeln immer freundlich.

Fromme Leute sind niemals obszön.

Fromme Männer gucken keine Pornos.

Fromme Frauen sind ohne Schminke schön.

Lieber Gott, mach mich fromm,

dass ich in den Himmel komm!

Oder nein, lass es sein,

vielleicht will ich gar nicht rein!

Was meinst du denn dazu?

Die Frage lässt mir keine Ruh:

Muss denn das alles so sein?

Fromme Leute gehen in die Kirche.

Fromme Leute kleiden sich adrett.

Fromme Leute singen fromme Lieder.

Fromme Bräute gehn allein ins Bett.

Fromme Leute nehmen keine Drogen.

Fromme Leute sind total verklemmt.

Fromme Frauen kriegen viele Babys.

Fromme Männer gehen niemals fremd.

Christen haben’s schwer, nehmen’s nicht leicht,

Außen hart und innen ganz weich.

Sind als Kind schon auf Christ geeicht.

Wann ist ein Christ ein Christ?

Fromme Leute missionieren gerne.

Fromme Leute hüten die Moral.

Fromme Leute gehn nicht in die Disco.

Fromme Leute beten vor dem Mahl.

Fromme Leute sammeln gern Kollekte.

Fromme Leute lesen niemals Brecht.

Fromme Frauen sind meistens Krankenschwestern.

Fromme Männer haben immer recht.

Fromme Leute mögen keine Heiden.

Fromme Leute vermeiden FKK.

Fromme Leute sündigen nur selten.

Fromme Leute sind dem Himmel nah.

Fromme Leute hörn Duo Camillo.

Fromme Leute machen niemals schlapp.

Fromme Frauen dienen in der Küche.

Fromme Männer treiben niemals ab.

Lieber Gott, mach mich fromm ...

Von der Sehnsucht nach Freiheit

Glauben ist ganz einfach - wenn man nicht muss. Das heißt vor allem: Glauben ist nicht schwer. Also keinesfalls eine Last, eine Pflicht, eine heroische Aufgabe, eine Prüfung, eine stete Herausforderung oder gar ein notwendiges Übel. Zumindest sollte der christliche Glaube das nicht sein - sonst wäre er eher eine Drohbotschaft als eine »Frohbotschaft«. Und doch geistern solche Bilder immer wieder durch die Köpfe vieler Menschen: »Es ist hart und schwer, aber du musst glauben!« Da möchte man trotzig entgegnen: »Warum muss ich das eigentlich? Wollen: gerne. Müssen? Das kann es doch nicht sein.« Nein, kann es auch nicht. Trotzdem gab und gibt es unzählige Traditionen, in denen Kindern der Glaube regelrecht eingeprügelt wird: »Wenn du nicht glaubst, wirst du bestraft. Du musst Jesus lieben!« Dieser Schatten hängt schon ziemlich lange über dem Christentum.

Wenn es stimmt, dass Glauben befreit, dann ist es wichtig, die zwanghaften Strukturen im Religiösen zu erkennen, zu verstehen und abzulegen.

Insofern ist es positiv, dass viele Menschen gerade in Deutschland solch totalitären Strukturen inzwischen äußerst kritisch gegenüberstehen und sich wehren: »Ich muss gar nichts.« Und das heißt: Wenn es stimmt, dass Glauben befreit und dass es sich lohnt, ihn als befreiendes Angebot auszuprobieren, dann ist es wichtig, die zwanghaften Strukturen im Religiösen zu erkennen, zu verstehen und abzulegen. Nur so kann wirkliche Freiheit entstehen.

Besonders gefährlich wird die Einstellung des »Du musst!« übrigens dann, wenn plötzlich Glauben und Leben gegeneinander ausgespielt werden. Auf der einen Seite gibt es scheinbar das wilde, freie, genussvolle, kluge und experimentierfreudige Leben, auf der anderen Seite den regulierenden Glauben, der eine stets angezogene Handbremse des Daseins darstellt: »Vorsicht, dass du nicht zu gerne lebst!« und »Alles, was Spaß macht, ist Sünde!« Das Symbol dieses Religionsverständnisses ist der mahnende, erhobene Zeigefinger.

Dahinter verbirgt sich in der Regel ein verblüffend negatives Welt- und Menschenbild, vor dem der Glaube vermeintlich retten muss: »Die Welt ist schlecht und du bist schlecht. Freue dich, wenn du von beidem erlöst wirst.« Das wollen die meisten Menschen aber gar nicht. Verständlicherweise. Und das steht so auch nicht in der Bibel. Obwohl die Erde und die Menschheit wahrlich ihre Macken und Tücken haben, sind beide nach biblischem Verständnis liebevoll von Gott geschaffen. Wer die Schöpfung verdammt, hält also auch nicht viel von ihrem Schöpfer. Sagen wir mal so: Dass die Welt aufgrund des menschlichen Übermuts an vielen Stellen einen starken Restaurierungsbedarf hat, gibt niemandem das Recht, sie grundsätzlich schlechtzumachen.

Auch im Neuen Testament stoßen wir überall auf Lebensbejahung (nicht auf eine grundsätzliche Verneinung alles Irdischen). Wenn Jesus jemandem begegnet, dann ist dieser, sofern er sich nicht unwillig abwendet, normalerweise nachher fröhlicher, entspannter, gesünder und lebenstüchtiger. Und: befreiter. Befreit von beengenden inneren und äußeren Fesseln - und gelassener, weil er eine neue, größere Perspektive für seine Existenz bekommen hat.

All das steht dem Leben nicht entgegen, sondern fördert es. Glauben sollte also niemals zum Ergebnis haben, dass ein Mensch weniger oder eingeschränkter lebt, er sollte immer dazu führen, dass jemand mehr »Leben« findet. Und zwar nicht erst irgendwann im Himmel, sondern hier und jetzt auf der Erde. Jesus verteilt doch keine Glücks-Gutscheine mit der Aufschrift »Für ein erfülltes Dasein«, die man ein Leben lang mit aller Kraft vor den bösen Einflüssen der Welt verteidigen muss und die dann erst nach dem eigenen Tod eingelöst werden können. Nein, er lädt ein, sich direkt auf der Erde dem Dasein leidenschaftlich zuzuwenden. Insofern hat Glauben grundsätzlich mit einem Gewinn an Lebensqualität zu tun.

Glauben hat grundsätzlich mit einem Gewinn an Lebensqualität zu tun.

Woher kommt es nun, dass sich in die Wahrnehmung des Christentums so viele beklemmende Facetten eingeschlichen haben? Und warum muss man oft mehrfach hinschauen, bevor man in den sichtbaren Kirchenstrukturen etwas von der Freiheit des Glaubens erkennt? Offensichtlich gibt es auf Glaubenswegen viele Möglichkeiten, sich zu verrennen und das Ziel aus dem Blick zu verlieren.

Am besten verstehen wir das, wenn wir uns in einem ersten Schritt ein paar typische Charaktere anschauen, die sich oft und gerne in Diskussionen über den Glauben einbringen und die alle eines verbindet: das Gefühl, sie müssten irgendetwas vor irgendwem retten. Diese Typen sind nicht erfunden (so etwas kann man gar nicht erfinden), sie sind uns alle leibhaftig begegnet - und wenn wir von ihnen erzählen, sehr pointiert, bildhaft und sicherlich auch ein wenig überzogen, dann werden Sie ahnen, warum aus einem Glauben der Freiheit ganz schnell ein unschönes Ringen mit dem Dasein werden kann. Denn alle diese Charaktere weisen bestimmte zwanghafte Strukturen auf. Das heißt vor allem: Sie sind nicht wirklich entspannt in dem, was sie tun, sie wollen es nicht einfach nur, sondern sie denken, es sei ein absolutes »Muss«, und zwar für die gesamte Menschheit.

Ein »Du musst« macht auf Dauer krank, weil es ein Leben unter Erwartungsdruck setzt und alles Gute von der Erfüllung irgendwelcher Bedingungen abhängig macht.

Und da ist es schon wieder, dieses hartnäckige »Muss«, das sich immer wieder als Ursprung aller Missverständnisse und Verengungen im Glauben entpuppt. Wir sind deshalb der festen Überzeugung, dass das »Müssen« den Glauben innerlich aushöhlt, ja, es lässt sich mit ihm nicht vereinbaren. Darum wollen wir in diesem Buch zeigen, dass jedes »Müssen« zutiefst unchristlich ist und gegen ein freiheitliches »Dürfen« ausgetauscht werden kann.

Welche verrückten Mechanismen hinter solchen Strukturen stecken, sehen Sie jetzt erst einmal in unserem bunten Panoptikum, durch das wir Sie führen möchten, eine einzigartige Sammlung frommer Figuren, die sich in der Welt des Glaubens finden. Schauen Sie mal, welche Muster Sie hinter deren Verhaltensweisen entdecken, die auf Dauer leider immer zu Unfreiheiten und Verengungen führen. Sehr verehrte Damen und Herren, Vorhang auf!

Die Weltretter

Diese interessante erste Spezies hat das innere Bedürfnis, die Welt vor der als äußerst unvollkommen empfundenen Kirche zu retten. Und deshalb weist sie geduldig und mit aller Deutlichkeit auf all die Dinge hin, die im Christentum bislang falsch gelaufen sind. Übrigens mit gutem Recht. Trotzdem ist es für jeden Pfarrer, der auf einer Party gefragt wird: »Na, was machst du denn so beruflich?«, ziemlich nervig, wenn die erste Reaktion auf seine Antwort regelmäßig lautet: »Was, du bist Pfaffe? Also, das mit den Kreuzzügen fand ich ziemlich intolerant.« Ach! »Ja, und die Hexenverbrennungen waren irgendwie ... frauenfeindlich!« So so! »Man liest ja auch immer wieder von Priestern, die sich an kleine Kinder ranmachen!« Stimmt. »Ich war auf einer Klosterschule, da mussten wir jeden Morgen zu einer Gruselandacht.« Oje, tut mir leid. »Und dass der Papst den Aidsinfizierten Kondome verbietet, ist wirklich ein Unding!«

Man kann von der menschlichen Schwachheit der Glaubenden zum Glück nicht auf die Falschheit oder Richtigkeit des Glaubens schließen.

Ja, natürlich ist es ein Unding. Und es gibt Tausende davon in der Kirche. Gut, wenn sie benannt werden - und noch besser, wenn sie auf Dauer beseitigt werden. Schlecht ist, wenn diese eingeschränkte, negative Sichtweise ihrerseits zwanghafte Züge annimmt und deshalb das Kind mit dem Bade ausschüttet. Nicht nur, weil Klischees und der stete Blick auf die Schattenseiten einer Institution immer zu falschen Wahrnehmungen führen, sondern auch, weil man von der menschlichen Schwachheit der Glaubenden zum Glück nicht auf die Falschheit oder Richtigkeit des Glaubens schließen kann. Die Grundthese unseres Buches lautet: »Glaube befreit« - und wenn er das nicht tut oder gar anderen schadet, dann ist es wichtig, den Fehlentwicklungen auf den Grund zu gehen. Genau das haben wir hier vor. Aber: Dass sich in der Kirche ein Haufen Sünder und fehlerhafter Leute findet, spricht - bei genauerem Hinsehen - eigentlich sogar für sie, weil Jesus genau diesen Leuten ein spirituelles Zuhause geben wollte und nie versprochen hat, dass sie in der Gemeinde vollkommen und fehlerlos sein würden.

Also: Dass die Institution »Kirche« so oft versagt hat und sicher auch weiter versagen wird, ist zwar enttäuschend und manchmal unerträglich, jedoch kein Argument gegen den Glauben selbst. Schließlich gilt: Wenn in einem Hilfswerk jemand Geld veruntreut, kann man ja auch nicht einfach übersehen, dass dieses Werk zugleich unzähligen Bedürftigen geholfen hat. Man sollte sich in einem solchen Fall für eine bessere organisatorische Struktur einsetzen, um Missbrauch vorzubeugen, aber nicht das ganze Hilfswerk verdammen.

Zwanghaft werden solche (in ihrem sachlichen Kern berechtigte) Kritiken immer dann, wenn sie von institutionellen Fehlern zu schnell und zu allgemein auf den Glauben an sich schließen - und wenn sie von den vermeintlichen Weltrettern zugleich als Schutzschild vor einer persönlichen Auseinandersetzung mit Gott genutzt werden: »Wenn die Kirche so ist ... dann setze ich mich auch den dahinterstehenden Idealen nicht aus.« Anstatt über die Inhalte des Christentums nachzudenken, arbeitet man sich lieber an unschönen Äußerlichkeiten ab.

Dahinter verbirgt sich ein nachvollziehbarer Gedanke, der allerdings an der Realität völlig vorbeigeht: »Die Kirche muss vorbildlich sein, damit ich ihre Werte ernst nehmen kann.« Schön wär’s. Tatsache ist: Sie wird es nie sein, denn jede Kirche muss immer wieder neu um ihre Werte ringen und steht immer in der Gefahr, sie zu verlieren - durch Nachlässigkeit oder durch Rechthaberei, durch persönliches Versagen oder durch organisatorische Mängel, durch fehlenden Realismus oder durch fehlenden Idealismus. In freiheitlichen Strukturen wird es immer Fehler geben, ja, sie sind sogar fundamental nötig, damit die Gemeinschaft sich kontinuierlich weiterentwickeln kann - und in unfreien Strukturen sind Fehler bereits Teil des Systems. Ein gesunder Umgang mit Fehlern sollte daher ein Grundwert jeder christlichen Gemeinschaft sein. Der Theologe Dietrich Bonhoeffer hat diesen Gedanken in seinem Buch »Gemeinsames Leben« sehr treffend zusammengefasst: »Wer seinen Traum von christlicher Gemeinschaft mehr liebt als die christliche Gemeinschaft selbst, der wird zum Zerstörer jeder christlichen Gemeinschaft, und ob er es persönlich noch so ehrlich, noch so ernsthaft und hingebend meinte.«

Dennoch gibt es sowohl innerhalb als auch außerhalb der Gemeinden Menschen, die von der Kirche Perfektion verlangen und dabei verkennen, dass gerade derVersuch, Fehler konsequent auszurotten, die meisten Fehler verursacht. Wenn wir Ihnen im Anschluss an dieses Panoptikum 10 Freiheiten vorstellen, dann geht es auch darum, die Muster zu entlarven, die institutionelle Strukturen immer wieder dazu bringen, ihre eigentlichen Werte zu verlieren.

Die Kulturretter

Während die erste ungewöhnliche Gruppe gern die Welt vor einer vermeintlich zu fehlerhaften Kirche retten will, möchte die zweite in erster Linie die gute Kirche vor der ach so bösen Realität retten, weil sie das Gefühl hat, dass die üblen Machenschaften der modernen Gesellschaft die Institution bedrohen. Diese beiden Rettertypen machen also, wenn man so will, genau das Gleiche - nur aus verschiedenen Positionen heraus. Und das zeigt: Das Problem einer voreiligen Abgrenzung aufgrund von klischeehaften Verallgemeinerungen haben nicht nur kritische Zeitgenossen mit den Kirchen, sondern gerade auch die Kircheninsider mit den Alltagsmenschen.

Ein gesunder Umgang mit Fehlern sollte ein Grundwert jeder christlichen Gemeinschaft sein.

Als man im Zeitalter der Aufklärung anfing, bis dahin stets als selbstverständlich angesehene religiöse Strukturen in Frage zu stellen, entstand bei vielen Christinnen und Christen eine große Angst, die Kirchen könnten ihre Bedeutung verlieren. Kein Wunder, dass diese Entwicklung in den folgenden Jahrzehnten zu einem ungeheuren Drang nach Bewahrung führte: »Wir müssen die guten und schönen Traditionen der Kirche gegen die kritische, uns angreifende Welt verteidigen.« (Da ist es wieder: das »Muss«.) Und dieser Drang war so groß, dass man irgendwann begann, auch diejenigen Traditionen vehement zu schützen, die eigentlich nur kulturell bedingt oder längst überholt waren und sind. Als »heilig« galten auf einmal nicht mehr nur Gott und seine Botschaft, sondern auch die Musik, die Liturgie, die Sprache, der Altar, die Kirchenbänke, die Hierarchie und die Talare.

Als »heilig« galten auf einmal nicht mehr nur Gott und seine Botschaft, sondern auch die Musik, die Liturgie, die Sprache, der Altar, die Kirchenbänke, die Hierarchie und die Talare.

Auch die evangelikale Bewegung, die weitgehend konservativ geprägt ist und sich auf die Irrtumslosigkeit der Bibel beruft, entwickelte sich erst im 19. Jahrhundert als Antwort auf den allgemeinen Relativismus. All die Jahrhunderte vorher hatte die Christenheit überhaupt kein Problem mit der Vorstellung, dass im Alten und Neuen Testament begeisterte Menschen sehr subjektiv von ihren vielfältigen Erfahrungen mit Gott erzählen. So hätte Martin Luther zum Beispiel den Jakobusbrief, der seiner eigenen theologischen Konzeption im Wege stand, am liebsten aus der Bibel herausgeworfen. Er hat ihn dann zwar doch dringelassen, aber weit nach hinten verschoben, um seine Bedeutung zu schmälern.

Die katholische Lehre, der Papst sei bei bestimmten Verlautbarungen »unfehlbar«, wurde ebenfalls erst 1870 zum Dogma erhoben - und entspringt letztlich ebenfalls der (leider nicht sehr auf Gott vertrauenden) Angst vor Autoritätsverlusten. Da sind also Protestanten und Katholiken in die gleiche Falle gelaufen. Anstatt sich hinzustellen und zu sagen: »Unser Glaube ist so groß, heilsam, wunderbar und millionenfach durch Erfahrungen bestätigt, dem kann eure Kritik gar nichts anhaben«, fingen viele Christinnen und Christen an, sich hinter selbst gemachten dogmatischen Bollwerken zu verschanzen: »Die Bibel ist heilig. Und wer sie kritisch hinterfragt, ist ein Feind des Glaubens. Mit dem brauchen wir uns gar nicht erst auseinanderzusetzen.« Wer so denkt, merkt oft gar nicht, dass dies keine Position der Stärke, sondern eine der Schwäche ist. Trotzdem ist es ein beliebtes und häufig vorgebrachtes Argument.

Die Aufklärung betonte vor allem einen Grundgedanken: »Wage es, selbst zu denken.«

Gehen wir noch einmal einen Schritt zurück. Die Aufklärung betonte ja vor allem einen Grundgedanken: »Wage es, selbst zu denken.« Ein Impuls, der eigentlich gut zu einer christlichen (besonders einer protestantischen) Kirche passen würde. Mündige Menschen, die Verantwortung übernehmen können, sind ja durchaus auch ein Idealbild der Bibel. Bei vielen Kirchenvertretern entstand jedoch die Angst: »Moment mal. Wenn jeder denkt, was er will, endet der Glaube möglicherweise in völliger Beliebigkeit.

Also müssen wir - unter Hinweis auf den Offenbarungscharakter der Bibel und mit den Mitteln der Vernunft - den Glauben in ein festes und eindeutiges System einordnen. Richtig glauben heißt vor allem richtig über den Glauben denken, und was richtig ist, wird von anerkannten theologischen Lehrern ausgearbeitet.« Glauben wird dann nicht durch Beispiel und Erfahrung, also durch gelebtes Leben weitergegeben, sondern durch Erziehung und Belehrung. Im Gottesdienst tauscht man keine Glaubenserfahrungen aus, sondern lauscht einer Predigt. Nicht umsonst hört man oft, die Kirche wolle die Menschen zum Nachdenken bringen: Einer denkt vor und die anderen müssen das dann nachdenken.

Die Folge davon war: Jahrhundertelang wurden Glaube und individuelles Denken nicht nur gegeneinander ausgespielt, sie wurden sogar zwei völlig verschiedenen Sphären der Weltwahrnehmung zugeordnet. Das ist insofern skurril, als die frühen Aufklärer wie Lessing oder Kant ja äußerst leidenschaftlich nach der Wahrheit suchten und sich im Kern gar nicht gegen den Glauben an sich, sondern nur gegen seine institutionalisierten Machtstrukturen gewandt hatten.

Diese Entwicklungen hatten markante Folgen. Erstens: Das offene, kritische Gespräch über den Glauben wurde zugunsten des Lehrens kirchlich anerkannter Begrifflichkeiten immer mehr zurückgedrängt. In den tradierten Kirchenstrukturen gibt es kaum noch Formen, in denen Menschen ihren persönlichen Glauben frei und gemeinschaftlich thematisieren können. Der ursprünglich rein politisch motivierte Satz »Glauben ist Privatsache« wurde damit von den Kirchen selbst massiv gefördert. Kein Wunder, dass es bald zu einer Gegenwehr kam: Weil die allzu trockene Vernünftelei vielen Gläubigen nicht ausreichte, entstanden vielerorts neue Gruppierungen (zum Beispiel die heutigen Freikirchen), die gerne etwas von der ursprünglichen Leidenschaft, der persönlichen Spiritualität und der intensiven Gemeinschaft wiederentdecken wollten.

Zweitens: Die Tatsache, dass die neu aufkeimende Sehnsucht nach gelebter Religiosität oft in theologischem Fundamentalismus, in Enge und in Radikalismus endete, führte unglücklicherweise noch mehr dazu, dass in den meisten christlichen Gemeinschaften heute ein relativ leidenschaftsloser Glaube gepflegt wird. Die Emotionen wurden immer kritischer betrachtet und die Fixierungen auf das Wort immer stärker. Getreu dem Motto: »Entscheidend ist, dass wir richtig über den Glauben denken«, konzentrierte man sich auf dogmatische »Richtigkeiten«. Dabei geriet der eigentliche Lebensvollzug oftmals in den Hintergrund. Und so kam und kommt es zu der Absurdität, dass bis heute viele Menschen meinen, wenn man nur genügend über Freude gesprochen hätte, müsse man sie nicht mehr erleben. Der Pfarrer, der mit Grabesstimme über die Freude redet, ist jedenfalls ein beliebtes Kabarettmotiv.

Uns geht es darum, den Ansatz der Aufklärung für das Christentum neu zu entdecken und zu sagen: »Wage es, selbst zu glauben!«

Drittens: Das Aufkommen unterschiedlichster Glaubensgemeinschaften förderte darüber hinaus auf allen Seiten unangenehme Distanzierungen. Anstatt miteinander die Wahrheit zu suchen oder einander darin zu unterstützen, gab es plötzlich ganz viele »Wahrheiten«: die katholische, die evangelische, die freikirchliche und so weiter. In den Auseinandersetzungen zwischen den verschiedenen Konfessionen geht es meistens weniger um die Frage, ob und auf welche Weise Jesus Christus »die Wahrheit« ist, sondern darum, die eigene, »allein richtige« Interpretation dieser Wahrheit als allgemein verbindlich durchzusetzen. Die Folge: Jede dieser Gemeinschaften versucht krampfhaft und mit viel Energie, sich von den anderen abzugrenzen und sich selbst als die »wahrste« Konfession zu etablieren. Kein Wunder, dass viele durch diese Streitereien abgestoßen werden: »Die wissen ja selbst nicht, was sie glauben. Und sehr christlich gehen die auch nicht miteinander um.«

Uns geht es in diesem Buch darum, den Ansatz der Aufklärung »Wage es, selbst zu denken« für das Christentum neu zu entdecken und zu sagen: »Wage es, selbst zu glauben!« Denn dann wird nicht nur der persönliche Glauben neu relevant werden, sondern die Leidenschaft auch ohne dogmatische Engführung wachsen und die Abgrenzung einem echten Miteinander weichen.

Die Seelenretter

Ein weiterer charakteristischer Typus, der in vielen christlichen Kreisen auftritt, fühlt sich persönlich dafür verantwortlich, dass die Seelen aller Menschen gerettet werden. Die Seelenretter verstehen die befreiende Botschaft Jesu so, dass eigentlich jeder Nichtbekehrte aufgrund der menschlichen Verderbtheit erst einmal verdammt ist und in die Hölle kommt - wenn nicht sie, die Seelenretter, dem Verlorenen rechtzeitig die rettende Hinwendung zu Gott nahebringen.

Theologisch brauchen wir hier gar nicht zu streiten. Natürlich betont die Bibel, dass es nicht egal ist, wie ein Mensch lebt. Was das bedeutet, werden wir später noch genauer betrachten. Dennoch sei hier vorab schon einmal die Frage erlaubt, wie sich die Vorstellung von der allgemeinen Verdammung und der Entsendung aller Sünder in die ewigen Qualen der Unterwelt überhaupt mit einem liebenden Gott vereinbaren lässt, dem laut Zeugnis der Bibel jeder Mensch unendlich wichtig ist: »Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst?«, heißt es in Psalm 8. Als Väter von je zwei Kindern können wir nur sagen: Wenn unsere Kinder sich aus lauter Übermut mal gegen uns wenden oder unsere »Gebote« missachten, schicken wir sie jedenfalls nicht gleich in die Hölle. Und wir können uns nicht vorstellen, dass Gottes Liebe kleiner ist als die von einfachen Familienvätern.

Viel entscheidender ist im Moment, was die Einstellung des »Seelenrettens« für die Menschen bedeutet. Es mag überspitzt klingen, aber wir haben mal einen jungen Mann getroffen, der uns Folgendes erzählte: »Ich kann nachts nicht schlafen, weil ich andauernd daran denken muss, wie viele Menschen wegen mir in die Hölle kommen.« Und als wir verdutzt nachfragten, sagte er: »Ja, ich sitze jeden Morgen in der U-Bahn und versuche möglichst jedem Menschen von Jesus zu erzählen, damit er nur ja nicht verloren geht. Aber ich schaffe es einfach nicht, allen ein Traktat in die Hand zu drükken.« Natürlich nicht. Und das ist wahrscheinlich auch besser so. Das Letzte, was Menschen heute brauchen und suchen, sind Fließband-Missionare. Und: Ahnen Sie, unter welchem Druck dieser Mann steht? Er glaubt tatsächlich, das Heil der Menschen läge in seinen Händen. Ist der wohl frei? Nein. Er ist voller Angst, zu versagen, und wird zeit seines Lebens das grausame Gefühl haben, nicht genug für Gott getan zu haben. Ja, er wird möglicherweise sogar denken, sein eigenes Seelenheil sei in Gefahr, wenn er nicht genügend in die Bekehrung anderer investiert.

Kein Mensch, keiner von uns kann die Welt retten. Und das muss er auch nicht. Das mit der Weltrettung ist Gottes Sache.

Nun, das mag ein Extremfall sein, das dahinterstehende Denken ist es jedoch nicht. Zu viele Menschen in den Gemeinden glauben, sie müssten (!) die Seelen der Leute retten. Und wenn dann noch leichtsinnig Parolen ausgestreut werden, die besagen, Gott könne nur durch uns handeln, wir seien »seine Hände und Füße auf Erden« und ohne uns sei er machtlos, ist das nicht nur theologisch fragwürdig, sondern auch ein wenig überheblich. Kein Mensch, keiner von uns kann die Welt retten. Und das muss er auch nicht. Welch ein Glück. Das mit der Weltrettung ist Gottes Sache. Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Natürlich sind alle Glaubenden herzlich eingeladen, immer wieder und überall begeistert von ihrem Glauben zu schwärmen, anderen von dieser lebensverändernden Liebe zu erzählen und intensiv am Bau des Reiches Gottes mitzuwirken. Ja, wenn man sich die Realität ansieht, sollte man sogar deutlich sagen: Das passiert viel zu wenig. Es ist also bestimmt nichts Schlechtes daran, wenn jemand anderen Menschen etwas von dem Glauben weitergeben will, der sein Leben reich macht und ihm die Perspektive der Ewigkeit eröffnet. Uns geht es hier vor allem um die dahinterstehende Einstellung. Wenn das Ganze von einem »Muss« geprägt ist, stimmt etwas nicht, weil sich Begeisterung eben nicht befehlen lässt. Das Schwärmen und Mitanpacken werden die Menschen von sich aus tun, wenn ihr Glaube sie frei macht und fasziniert. Das ist der richtige Weg.