El Gustario
de Mallorca
und das
tödliche Elixier

Brigitte Lamberts

edition oberkassel

Für meine Freunde, ohne die das Leben weniger
lebenswert und weniger spannend wäre.

Prolog

Kloster Santa María la Real de Nieva im Jahr 1441. Die schwere Pforte öffnet sich ächzend. Der Fremde hebt seine Hand zum Gruß und zeigt den Siegelring mit dem Wappen des Königs von Aragón, das verabredete Zeichen. Der Mönch in seiner braunen Kutte, die Kapuze tief in das Gesicht gezogen, tritt einen Schritt zur Seite. Sogleich gelangt der Fremde durch die Tür ins Kloster. Wie beiläufig steckt er dem Mönch ein Ledersäckchen zu. Dieser nickt und geht den Kreuzgang entlang, der durch Fackeln an den Wänden schwach beleuchtet ist. Immer wieder blickt der in teures Tuch gehüllte Mann von hohem Stand sich um. Plötzlich bleibt der Klosterbruder stehen und deutet auf eine Tür. Ehe sich der Fremde versieht, ist er allein. Er öffnet die Holztür, bedacht darauf, keinen Lärm zu machen.

Viel Zeit bleibt ihm nicht, denn bald werden die Mönche zum Morgengebet gerufen, dann muss er seinen Auftrag erledigt haben. Er schiebt sich durch die halb geöffnete Tür. Eine Öllampe brennt und taucht den kleinen Vorraum in angenehmes, warmes Licht. Sein Blick gleitet über die spärliche Möblierung: ein Tisch, zwei Stühle und ein Schrank. Zwei Türen gehen von dem Raum ab, zur Schlafkammer der Königin und zur Kammer ihrer Zofe. Er hofft inständig, dass er das Gesuchte hier findet und nicht in das Gemach der Königin eindringen muss. Mit schnellen Schritten gelangt er zum Schrank und öffnet die Tür. Ein Lächeln huscht über sein Gesicht. Er greift das goldene, reich verzierte Kästchen und trägt es zum Tisch. Behutsam öffnet er den Deckel. Die zusammengefalteten Dokumente mit dem Siegel der Königin Blanka von Navarra nimmt er heraus und legt sie achtlos neben das Kästchen. Dann sieht er die sechs kleinen Fläschchen aufgereiht in der Schatulle. Vorsichtig hebt er eines der bauchigen Gefäße heraus und hält es gegen die Lampe. Eine goldbraune Flüssigkeit schimmert durch das Glas der versiegelten Flasche.

Eilig stellt er seinen Fund zurück, greift die Dokumente und legt sie in das Kästchen. Ein Geräusch! Er wirbelt herum. Vor ihm steht eine ältere Frau im Nachtgewand. Bevor ein Schrei ihren Mund verlassen kann, hat er ihr schon den Dolch ins Herz gerammt. Er fängt sie auf und legt die Leiche auf den Boden. Rasch nimmt er das Kästchen an sich und verschwindet durch die Tür zum Klostergang.

Kapitel 1

Düsseldorf Café Madrid Bolkerstraße. Sven Ruge betritt das Café Madrid. Hinter der massiven dunklen Theke steht der Barkeeper und spült Gläser. Als er Sven erblickt, wischt er sich schnell die Finger am Geschirrtuch ab, kommt hinter dem Tresen hervor und umarmt seinen Freund herzlich. Sven ist nicht nur Stammgast, er gehört schon fast zur Familie, so häufig, wie er hier anzutreffen ist. »Mein zweites Zuhause« nennt er die Tapas-Bar liebevoll. Denn hier wird er freundlich und zuvorkommend behandelt, als ganz normaler Gast eben. Und nicht als anerkannter Gastrokritiker, den es zu hofieren gilt. Das ist der einzige Wermutstropfen an seinem spannenden Beruf. Egal, welches Restaurant er in Düsseldorf und Umgebung besucht, er wird sofort erkannt und umschmeichelt, nur damit seine Bewertung positiv ausfällt. Was ihm missfällt. Die sollen sich in der Küche und beim Service ins Zeug legen und nicht um meine Freundschaft buhlen, ist stets sein Kommentar. Umso wohler fühlt er sich in dem gediegenen Essraum mit den dunklen Tischen und Stühlen und der eindrucksvollen Schrankbar, in der die Gläser und Flaschen funkeln. Hier ist immer etwas los, hier unterhält man sich auf Spanisch und Deutsch und das meist wild durcheinander, sodass die Gäste sich eher in Madrid als in Düsseldorf zu befinden glauben. Schon einige Artikel für diverse kulinarische Magazine und Restaurantführer hat er hier an seinem Laptop geschrieben. Auch die eine oder andere Idee für eine Kochshow im Fernsehen ist an der Bar bei einem Glas Rioja entstanden. Natürlich mit wertvollen Tipps vom Küchenpersonal.

»El Gustario, schön, dich zu sehen«, begrüßt ihn sein Freund. Sven verdreht grinsend die Augen. Der Spitzname, den seine deutschen und spanischen Freunde für ihn erfunden haben, ist zu seinem Markenzeichen geworden. »Wo hast du die letzte Woche gesteckt?«

»Ich war im Stress! Einige Restaurants haben neu eröffnet und die musste ich mir natürlich ansehen.« Der Barkeeper ist wieder hinter seine Theke getreten und macht sich an der großen verchromten Kaffeemaschine zu schaffen.

»Und der Düsseldorfer Restaurantführer hatte Redaktionsschluss, da wird es auf den letzten Metern immer hektisch.«

»Ist es nicht immer so?«, fragt sein Freund.

Sven lacht. »Ja, alle zwei Jahre das gleiche Spiel. Trotz guter Planung fehlt am Ende doch noch etwas.«

Der Barkeeper dreht sich zu Sven um und schiebt ihm unaufgefordert einen cortado über den Tresen, den Sven dankend entgegennimmt.

»Diesmal sind wir mit einer Anzeige vertreten.«

»Prima, habt ihr euch doch dazu entschließen können?«

»Ja, musste mal wieder sein. Und ich konnte einen kleinen Rabatt heraushandeln.«

Sven schaut auf seine Armbanduhr.

»Hast du noch Termine?«

»Erst heute Abend, die Neueröffnung einer Sushi-Bar im Hafen.«

Sven tritt von einem Fuß auf den anderen.

»Was ist los mit dir?«, fragt sein Freund. »So angespannt habe ich dich schon lange nicht mehr erlebt.«

»Ich befürchte, den Auftrag meines Lebens vermasselt zu haben.«

»Erzähl!«

»Ein renommierter Verlag hat mich gefragt, ob ich einen kulinarischen Reiseführer über Mallorca schreiben würde.«

»Natürlich hast du sofort zugesagt.«

»Ja, hätte ich am liebsten, aber der Verleger wollte mich erst einmal persönlich kennenlernen. Wir haben uns länger unterhalten und nun muss ich abwarten.«

»Er hätte dir doch gleich zusagen können, oder nicht?«

»Eben, das verunsichert mich ja. Vielleicht hat er noch andere Kollegen angesprochen.«

»Da brauchst du dir doch keine Sorgen zu machen, bei deiner Eloquenz und deiner Liebe zu Mallorca bist du genau der Richtige für dieses Projekt. Außerdem siehst du fast wie ein Spanier aus, schwarze Haare, dunkle Augen und eine Haut, die gleich bei den ersten Sonnenstrahlen Farbe annimmt. Das sind die besten Voraussetzungen, um mit den Einheimischen ins Gespräch zu kommen.« Sven lacht.

»Du weißt das, ich weiß das, aber sieht das der Verleger auch so? Es wäre mein Traum, die schönsten Flecken der Insel zu erkunden und meinen Lesern die originale mallorquinische Küche näher zu bringen. Aber ich hatte kaum Zeit, mich auf das Gespräch vorzubereiten. Der Verleger wollte mich sofort sehen.«

»Dann kann er auch nicht mit einem ausgereiften Konzept rechnen.«

»Stimmt auch wieder.« Sven trinkt seinen letzten Schluck Espresso mit Milch und betritt die Außenterrasse des Lokals. Nachdem er in fast fehlerfreiem Spanisch seine Bestellung bei einem der Ober aufgegeben hat, setzt er sich an einen der kleinen Bistrotische und betrachtet interessiert die Menschen, die an ihm vorbeiziehen. Bereits mittags ist die Altstadt gut besucht, auch wenn viele Kneipen erst abends öffnen. Touristen sind auf den ersten Blick auszumachen. Sie bleiben meist unmotiviert stehen und schauen sich suchend um. Die Düsseldorfer, die eher schnellen Schrittes die Altstadt durchqueren, müssen dann umständlich um die Besucher herumgehen, was öfter zu einem genervten Kopfschütteln führt.

Svens Blick gleitet zur gegenüberliegenden Häuserzeile. Ballermann 6 steht dort in einem bunten Neonschriftzug, darüber eine etwas marode, aber dennoch beeindruckende Jugendstilfassade. Gleich nebenan ist der düstere Eingang zur legendären Musikkneipe Dä Spiegel mit ihrem beliebten Hausgetränk Krumme Lanke, einem Düsseldorfer Kräuterlikör. Hier wird zur späten Stunde abgerockt und nicht selten tanzen die Gäste auf den Tischen.

Sven schaut die Bolkerstraße entlang Richtung Marktplatz. Ein bisschen heruntergekommen ist die Altstadt schon, überlegt er. Immer mehr Partygastronomie macht sich breit und viele kommen nur noch zum Feiern her. Früher war das anders. Er legt den Kopf leicht schräg und erinnert sich, wie seine Eltern immer davon sprachen, nach der Oper noch bei Fatty vorbeigeschaut zu haben. Da kam man ohne Krawatte gar nicht erst rein und oftmals schmetterten die Opernsänger dort ihre Arien zur späten Stunde erneut. Heute ist Fatty ein Irish Pub, gepflegt zwar, aber eben doch nur ein Pub unter vielen. Er schaut erneut auf seine Armbanduhr, dann holt er den Terminkalender aus der Umhängetasche. Auf der Seite mit dem heutigen Datum steht mit rotem Filzstift geschrieben: Verleger will sich am frühen Nachmittag melden! Sven trommelt mit den Fingern auf die Tischplatte. Ich hätte dem schnellen Termin nicht zustimmen sollen. Das war ein Fehler. Das war unprofessionell. Ich hätte den Verleger vertrösten sollen, auch wenn ich unbedingt den Auftrag will. Später ist man immer schlauer. Ich war unvorbereitet, fahrig und habe dem sehr engen Zeitraster auch noch zugestimmt. Verdammt, ich hätte es mir so sehr gewünscht. Na, ja, vielleicht wird es ja doch noch was.

Der Ober stellt gerade eine Flasche Wasser und eine Schale Boquerones fritos vor Sven ab, als dessen Handy klingelt. »Ruge« meldet er sich und nickt dem Ober dankend zu. Konzentriert hört er, was ihm am anderen Ende der Leitung berichtet wird. Seine dunkelbraunen Augen beginnen zu leuchten, und die Hand, die zuvor die Wasserflasche ergriffen hat, um sich einzugießen, ballt er nun zur Faust. Kaum hat er das Gespräch beendet, springt er auf und ruft ein »Yeah« in die Menge.

»Gute Nachrichten?«, fragt der Ober interessiert, der gerade an einem benachbarten Tisch die Getränke serviert.

»Ja, sehr gute Nachrichten.« Sven setzt sich, dann steht er wieder auf. Das Lächeln auf seinem Gesicht will nicht mehr weichen. Jetzt reiß dich zusammen, ermahnt er sich, du benimmst dich ja wie ein Schuljunge, der endlich eine Eins in Latein geschrieben hat. Er setzt sich erneut, greift nach einer frittierten Sardelle und tunkt sie in das kleine Schälchen mit ajillo, bevor er sie in den Mund schiebt. Er kann es nicht fassen, ein Traum geht in Erfüllung. Schon wieder springt er auf und eilt an die Bar.

»Darf ich dich zu einem Glas Champagner einladen?«, fragt er aufgeregt seinen Freund.

»Natürlich, sag bloß, es hat geklappt!« Der Spanier greift nach einer Flasche in einer silbernen, bauchigen Champagnerschale, die bis zum Rand mit Eis gefüllt ist. Mit einem sachten Geräusch lässt er den Korken aus dem Flaschenhals gleiten. Er füllt zwei Gläser und kaum haben sie sich zugeprostet, sprudelt es aus Sven nur so heraus. »Es hat geklappt. Gerade hat mich der Verleger angerufen und mir offiziell den Auftrag erteilt, einen kulinarischen Reiseführer über Mallorca zu schreiben. Über Mallorca, meine Lieblingsinsel!«

»Mir war klar, dass du den Auftrag bekommst.« Der Barkeeper betrachtet belustigt Sven, der sich aufgeregt an sein Ohrläppchen fasst.

»Mir nicht. Aber egal, jetzt habe ich den Auftrag.«

»Du kannst auch ohne ausgereiftes Konzept überzeugen. Dir nimmt man deine Begeisterung ab.«

»Jetzt sag nur noch, mein Gesicht ist ein offenes Buch.«

»Für deine Freunde schon.« Er lacht. »Ein Pokerface hast du noch nie gehabt. Und wann geht’s los?«

»Möglichst bald.«

»Und wie lange wirst du weg sein?«

Sven überlegt kurz. »Wenn ich mir eine private Unterkunft besorge und gut haushalte, könnte ich mit dem Vorschuss des Verlags drei Monate auskommen.«

»Drei Monate«, wiederholt sein Freund erstaunt, »so lange?«

»Ich werde das Manuskript natürlich früher abgeben müssen. Die Produktion braucht auch Zeit. Und du weißt ja, Auftraggeber möchten alles immer sofort haben.«

»Ein bisschen neidisch bin ich schon.« Dann legt der Barkeeper ihm die Hand auf die Schulter. »Aber ich gönne es dir von Herzen.«

»Danke.« Svens Augen leuchten erneut.

»Kannst du denn so einfach weg?«

»Das ist der Vorteil, wenn man Single ist.« Sven zwinkert seinem Freund zu. »Und meine Eltern sind noch fit genug, die kommen schon klar.«

»Aber deine Freunde werden dich vermissen.«

»Wir reden von maximal drei Monaten. Ich wandere ja nicht aus.«

»Wer weiß?«

Sven lacht und knufft ihm in die Seite. »Aber du hast recht. Ein paar Termine muss ich wohl noch verschieben.«

»Und fliegst du?«

»Darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht. Aber vielleicht ist es sinnvoll, mit dem Auto zu fahren und mit der Fähre überzusetzen.«

»Dann sparst du auf jeden Fall die Kosten für den Mietwagen. Bei drei Monaten kommt da schon einiges zusammen.«

»Stimmt, und du weißt ja, wie viel Freude es mir macht, mit meinem alten Porsche Targa die Gegend zu erkunden.«

»Hm, ich glaube, ich habe auch gleich den ersten Insidertipp für dich.«

»Ich höre!« Sven greift sich einen Bierdeckel von der Theke und sein Freund reicht ihm einen Kugelschreiber.

»Meine Cousine führt zusammen mit ihrem Mann eine Cafeteria in der alten Poststation von Montuïri, das ist etwas unterhalb von Petra, an der Schnellstraße Ma-12.«

Der Barkeeper schmunzelt. »Ich weiß, diese Kneipenrestaurants auf Mallorca sind für dich nicht so interessant, weil sie nur kalte Speisen anbieten. Und die Bar S’Hostal von meiner Cousine reicht ausschließlich belegte Brote. Aber das Brot ist köstlich und die Auswahl an Käse und Schinken vom Feinsten. Und«, er lächelt, »dort kommen nur Einheimische hin oder Fernfahrer.«

»Hört sich gut an.«

»Grüß sie von mir und viel Erfolg.«

Sie prosten sich nochmals mit dem letzten Schluck zu, dann kehrt Sven zurück an seinen Tisch auf der Terrasse. Der Ober kommt mit zwei braunen Keramikschälchen und stellt sie vor ihm ab.

»Hier eine neue Portion boquerones, die anderen waren ja schon kalt«, bemerkt er gespielt vorwurfsvoll, »und die Pollo al ajillo, die du noch bestellt hast.« Sven ist immer noch ganz aufgeregt. Er muss schon wieder lächeln, denn er stellt sich den Kommentar seiner Mutter vor, die allen, die es wissen wollen oder auch nicht, erzählt, dass seine Leidenschaft für Mallorca bestimmt damit zu tun hat, dass sie, mit ihm im fünften Monat schwanger, Urlaub auf Mallorca gemacht hat. Am liebsten würde er sein Tablet greifen und schon einmal nach einer privaten Unterkunft recherchieren, doch er weist sich zurecht: Iss erst einmal in Ruhe die vorzüglichen Tapas. Während er genüsslich Hähnchenstücke mit der Gabel aufspießt und durch die Knoblauchsoße schwenkt, sieht er sich schon im Strandrestaurant Playa in der Cala Santanyí sitzen, bei gutem Essen vom Holzkohlegrill und mit einem fantastischen Blick auf das Meer. Das wird ein entspanntes und schönes Arbeiten.

Kapitel 2

Zürich Hotel Baur Au Lac. Der Sekretär betritt den Balkon. »Die Herren wären jetzt da.« Der kleine, etwas untersetzte Schweizer Unternehmer erhebt sich aus dem Korbstuhl und begrüßt die Spanier.

»Schön, dass Sie so schnell kommen konnten.« Mit einer Handbewegung bittet er sie, in den Sesseln auf dem Balkon Platz zu nehmen.

»Darf ich Ihnen etwas zu trinken anbieten?«

José Maria Jamires, ein drahtiger, hochgewachsener junger Mann, bittet um ein Glas Wasser und der etwas grobschlächtige, kleinere Jesús Gonzáles zeigt ungelenk auf eine silberne Kaffeekanne.

»Sie haben einen guten Flug gehabt?« Die Frage ist für Otto Bächli nicht mehr als eine höfliche Floskel. Die beiden Männer nicken.

»Sie sind mir von einem Freund empfohlen worden, für den Sie schon einmal zu seiner Zufriedenheit tätig geworden sind.« Gonzáles lächelt unsicher und fasst sich an seine große Nase. Jamires beginnt, in recht gutem Deutsch, aber mit einem starken Akzent die Erfolge ihrer Detektei hervorzuheben. Der Schweizer schaut dabei über den Zürichsee, der von der Sonne beschienen wird und dessen Oberfläche irritierend flimmert. Der Spanier erzählt ohne Punkt und Komma, Bächlis Gedanken schweifen ab. Es war eine gute Idee, meine neuen Geschäftspartner für die Benefitz-Gala hier im Baur Au Luc unterzubringen. Es ist weit mehr als ein Luxushotel. Es ist eine Institution. Das wird den Asiaten imponieren.

»Sie kennen sich also bestens auf Mallorca aus?«, unterbricht er schließlich den Redeschwall von Jamires.

»Ja, wir sind beide Mallorquiner und leben auch auf der Insel.«

Otto Bächli deutet auf die Kaffeekanne und Gonzáles hält ihm schon seine Tasse entgegen. In aller Ruhe gießt er auch Jamires noch ein Glas Wasser ein, dann fährt er fort: »Sie sagten gerade, dass Recherche ein wichtiger Bestandteil Ihrer Arbeit sei. Wo lernt man das, wenn man nicht studiert hat?«

»Doch, doch, wir haben studiert. Nicht an der Universität, aber als Personenschützer durchläuft man auch eine Akademie, wo das gelehrt wird.«

»Was wird gelehrt?« Bächli schaut verwundert zu Gonzáles hinüber, der sich schon wieder an seine Nase fasst.

»Wie und wo man sich Informationen besorgen kann und an wen man sich zu wenden hat. Natürlich bedarf es da manchmal Einfallsreichtum.«

»Einfallsreichtum?« Bächli horcht interessiert auf.

»Ja«, José Maria Jamires ist in seinem Element. »Oft muss man Geschichten erfinden und in andere Rollen schlüpfen, um an sein Ziel zu kommen.«

»Menschen betrügen?« Bächli fragt nach.

»Nein, nein. Aber schon tricksen, damit man an Informationen gelangt, die einem sonst nicht gegeben werden.«

»Sie bewegen sich aber hoffentlich im legalen Bereich?«

»Natürlich, das ist für uns selbstverständlich, sonst würden wir unsere Konzession aufs Spiel setzen.«

»Das ist mir wichtig! Keine unseriösen Praktiken. Ich habe ein Imperium aufgebaut, aber ich kann mich morgens immer noch im Spiegel betrachten ohne schlechtes Gewissen, und das soll auch so bleiben. Können Sie mir das garantieren?«

»Selbstverständlich, wir halten uns an Gesetze und Regeln.«

»Gut, dann will ich Ihnen sagen, womit ich Sie beauftragen möchte.« Bächli macht eine kurze Pause, um sich der uneingeschränkten Aufmerksamkeit der beiden Mallorquiner zu vergewissern. »Sie erhalten einen Vorschuss, der Ihre Auslagen abdecken wird. Also keine Summe, bei der es sich lohnt, Zeit zu schinden. Wenn Sie erfolgreich sind und mir das beschaffen, was ich haben will, werden Sie ein stattliches Honorar erhalten, aber nur dann.« Er winkt seinem Sekretär zu, der ihm einen Zeitungsartikel überreicht.

»Schauen Sie sich den mal an«, fordert er Jamires auf. Der Mallorquiner ergreift die Zeitung und liest konzentriert. Bächli kann sich ein Grinsen nur schwer verkneifen, denn der junge Mann fährt mit dem Finger die Zeilen ab, die er gerade überfliegt. Nach wenigen Minuten blickt er auf.

»Sie wollen das Fläschchen?«

Der Unternehmer zieht eine Augenbraue hoch. »Trauen Sie sich das zu?«

»Einen Augenblick bitte.« Jamires dreht sich zu seinem Kompagnon um und spricht sich mit ihm auf Spanisch ab. Dann blickt er erneut Bächli an.

»Mein Kollege spricht kaum Deutsch«, entschuldigt er sich. »Und ja, wir trauen uns das zu.« Der Mallorquiner klingt entschlossen. »Doch würden wir gerne wissen, wie das Erfolgshonorar aussieht.«

»Mit einer mittleren sechsstelligen Summe dürfen Sie rechnen«, antwortet der Unternehmer knapp. Das plötzliche Leuchten in Jamiresʼ Augen entgeht ihm nicht.

»Noch eine Frage: Haben Sie die Biografie gelesen, die im Zeitungsartikel erwähnt wird?«, fragt Jamires. Otto Bächli baut sich in seinem Sessel auf.

»Selbstverständlich, ich bin Geschäftsmann genug, um nicht irgendwelchen Hirngespinsten hinterherzulaufen. Der Anis-Schlehen-Likör wird in der Biografie nur am Rand erwähnt. Vielmehr ist es der Zeitungsartikel, der eine vage Verbindung zu Mallorca herstellt und suggeriert, dass es noch ein Fläschchen geben könnte.«

Jamires wagt noch einen Vorstoß. »Entschuldigen Sie, eine letzte Frage, die Sie hoffentlich nicht als Indiskretion verstehen. Warum interessiert Sie das Fläschchen so?«

Na endlich, denkt Bächli, langsam punktet er. Ohne diese Frage hätte ich es vielleicht doch sein lassen. Welcher seriöse Privatdetektiv will nicht die Motivation seines Auftraggebers wissen.

»Ich bin Sammler und habe mich auf seltene Weine und Spirituosen spezialisiert. Ich meine, sehr seltene, wenn Sie verstehen.« Dabei schaut Bächli Jamires tief in die Augen. Der Mallorquiner nickt. Dann greift der Schweizer in die Innentasche seines Blazers und zieht einen Umschlag hervor.

»Ihr Vorschuss, meine Herren. Das nächste Mal, wenn wir uns sehen, überreichen Sie mir das Fläschchen.« Er erhebt sich und das Gespräch ist beendet.

Kapitel 3

Zürichsee Sanatorium. Eingewickelt in eine Wolldecke sitzt Alexej Golubew am Fenster seiner Suite und blickt auf den Zürichsee. Aus einem Tornister führen Schläuche direkt zu seiner Nase. Er atmet schwer. Immer wieder überfliegt er einen Artikel aus der ›Neuen Züricher Zeitung‹. Darin wird von einer neuen Biografie über die Königin Blanka von Navarra berichtet, die ein anerkannter britischer Historiker gerade veröffentlicht hat. Die Königin interessiert ihn nicht, wohl aber, dass sie krank war und auf den Anis-Schlehen-Likör, den Patxaran, geschworen hat. Sie hat besondere Fläschchen dieses Likörs besessen, die Wunder bewirkt haben sollen. Er hat nicht mehr viel Zeit. Die Operation hat dem Oligarchen, wenn es gut geht, ein Jahr geschenkt, mehr ist nicht rauszuholen, sagen seine Ärzte. Ärmlich aufgewachsen, hat er die Gunst der Stunde genutzt und unter Jelzin sein Vermögen gemacht. Nicht immer legal, eigentlich nie. Doch das ist jetzt egal, jetzt geht es um sein Leben. Er klingelt. Sofort ist Iwan, sein Privatsekretär, zur Stelle. Der große, kräftige Mann mit kantigen Gesichtszügen tritt wortlos hinter den Sessel in Erwartung der Anweisungen.

»Wo ist Natascha?«

»Sie ist gerade aus der Stadt zurückgekommen.«

»Ich möchte mit ihr sprechen.«

Iwan nickt, dreht sich um und verlässt das Wohnzimmer. Kurz darauf betritt Natascha mit langen Schritten den Raum, bekleidet mit einem kurzen Trenchcoat, dessen Gürtel fest um ihre schmalen Hüften gezogen ist.

»Lies bitte diesen Artikel!« Alexej hält seiner Frau die Zeitung hin.

Die junge Frau liest rasch, dann schaut sie ihren Mann ungläubig an. »Du interessierst dich für das Fläschchen?«

»Ja, es wäre eine Chance. Vielleicht meine letzte.«

»Das ist doch Quatsch. Eine Legende, nicht mehr und nicht weniger.«

»Bügel das nicht so ab. Wenn da nichts dran wäre, würde so eine angesehene Zeitung wie die Züricher das nicht zum Thema machen. Der Verfasser des Artikels wird gut recherchiert haben.«

»Alexej, ich bitte dich. Die müssen auch schauen, dass sie Leser gewinnen.«

»Aber hier wird ganz klar gesagt, dass sich ein Fläschchen noch auf Mallorca befinden könnte.« Er hustet.

»Nein, hier wird einer Legende Rechnung getragen, die besagt, dass der Königin von Navarra Fläschchen gestohlen wurden und eines könnte sich noch auf Mallorca befinden. Ich bitte dich, nach fast sechs Jahrhunderten. Das ist doch alles Blödsinn!«

»Wenn du im Internet nachschaust, erfährst du sofort, dass die Königin von Navarra mit dem König von Aragón verheiratet war, und der war zu der Zeit auch der König von Mallorca. Und sie soll ihm von der exzellenten Wirkung dieses Likörs vorgeschwärmt haben.«

»Und was sagt uns das?«

»Dass sich auf Mallorca noch so ein Fläschchen befinden könnte.«

»Alexej, ich verstehe deine Situation, doch das ist absurd.«

Der Oligarch steht langsam auf. »Du verstehst gar nichts. Bist du schwerkrank oder ich? Es geht um mein Leben, nicht um deins.«

»Es geht auch um mein Leben. Was ist, wenn du nicht mehr bei mir bist?«

»Mir kommen die Tränen. Dann bist du Milliardärin und kannst tun und lassen, was du willst. Das ist es doch, worauf du wartest.« Er schwankt, doch bevor er stürzt, ist Iwan schon bei ihm und fängt ihn auf.

»Du wirst hier bestens versorgt, du befindest dich in dem renommiertesten Sanatorium der Schweiz, was soll das mit Mallorca!«

»Bestens versorgt«, gurgelt Golubew wütend hervor. »Ja, schon, aber sie werden mich hier zu Tode pflegen.« Ein weiterer Hustenanfall schüttelt ihn. Er bekommt kaum Luft, trotz des Sauerstoffs. Iwan lässt seinen völlig erschöpften Herrn behutsam in den Sessel gleiten. Mit letzter Kraft stößt dieser hervor: »Die Königin hat ihrem Mann von dem Wundermittel geschrieben, das ist verbürgt.« Der Oligarch atmet mehrmals schwer. Nach kurzer Zeit hat er wieder etwas Kraft. Mit zittriger Hand packt er das Handgelenk seines Sekretärs und zieht diesen zu sich herunter. »Ich will dieses Fläschchen! Iwan, du besorgst mir das!«

Nie würde der Hüne seinem Herrn einen Wunsch abschlagen.

Kapitel 4

Mittelmeer. Fährschiff auf dem Weg nach Palma de Mallorca. Die hohen Berge im Norden der Insel lassen sich schon erahnen, trotz des Nebels, der sie umgibt. Erste Sonnenstrahlen bahnen sich zögerlich einen Weg durch die Wolken. Sven steht an der Reling und schaut in Fahrtrichtung. Er atmet einige Male kräftig ein und aus und lässt die kühle, frische Meeresluft bis tief in seine Lungenflügel gleiten. Bald hat er es geschafft. Er schaut auf seine Armbanduhr. Fünf Uhr zehn. Wenn wir pünktlich sind, dauert es keine Stunde mehr, stellt er erleichtert fest. Auch diese Nacht war eine Katastrophe, wie zuvor die Übernachtung in Montpellier. Das Hotel in einem ehemals gepflegten Herrenhaus vor den Stadtmauern, das er online gebucht hatte, war zur Jugendherberge heruntergewirtschaftet. Zu dem reservierten Pullmansitz auf der Fähre kam er erst gar nicht durch, so viele Rucksacktouristen hatten es sich schon auf dem Boden bequem gemacht. Egal, ignoriert er seine Müdigkeit, bald bin ich da und dann wird es eine aufregende Zeit. Er merkt, wie seine Energie zurückkehrt und ihn die Freude, einen kulinarischen Reiseführer über Mallorca schreiben zu können, erneut umfängt. Was für ein Auftrag! Er holt sein Tablet aus der Reisetasche und setzt sich auf eine längliche Kiste. Drei Restaurants hat ihm sein Schulfreund Tim empfohlen, der im Yachthafen Porto Portals sein Segelschiff liegen hat und, so oft es seine Arbeit erlaubt, ein paar Tage auf Mallorca verbringt. Das Angebot, auf dem Schiff zu wohnen, hat Sven dankend abgelehnt. Er hat lieber festen Boden unter den Füßen. Außerdem ist das Boot zu klein, um am Wochenende zwei Personen bequem zu beherbergen. Natürlich wollen sie sich sehen und auch etwas zusammen unternehmen. Den Tipp, sich bei Tims mallorquinischen Freunden Sergio und Consuelo Sánchez zu melden, einem älteren Ehepaar, das in ihrem Haus Gästezimmer vermietet, hat er hingegen gerne angenommen. Die beiden wird er gleich persönlich kennenlernen. Die Planung des Reiseführers ist jedoch bisher zu kurz gekommen. Dazu fehlte einfach die Zeit. Er musste noch einiges organisieren, Termine verlegen und bestehende Aufträge abarbeiten. So hat er sich lediglich einen Überblick verschafft über die Reiseführer, die aktuell auf dem Buchmarkt angeboten werden, und davon gibt es einige. Am besten fange ich in Palma an, überlegt er. Immer mehr Mallorca-Besucher, die ihren Urlaub individuell planen, bevorzugen eine Unterkunft in der quirligen Hauptstadt. So können sie Palma, die von den Mallorquinern einfach La Ciutat, die Stadt, genannt wird, und den Strand gleichermaßen genießen und bekommen auch noch etwas vom Alltag auf der Baleareninsel mit. Das fand auch der Verleger einen geschickten Schachzug. Svens Finger gleiten über die Tastatur. Palma wird immer mein Ausgangspunkt sein, konstatiert er. Von da aus fahre ich sternförmig über die Insel. Jede Tour eine andere Himmelsrichtung. Zur Not kann ich auch mal unterwegs übernachten, wenn die Route es verlangt. Er hält inne. Eigentlich Quatsch. Ich brauche anderthalb, maximal zwei Stunden von einem Ende der Insel zum anderen. Mit Umwegen und Aufenthalten kann ich gut eine Tour pro Tag schaffen. Anders sieht es aus, wenn ich an der Küste entlangfahre und die Insel umrunde, dann brauche ich schon mehrere Tage. Er schmunzelt. Tim hat ihm erzählt, dass die Mallorquiner ein ganz anderes Gefühl für Entfernungen besitzen. Eine Fahrt von Manacor im Osten der Insel bis in die Hauptstadt ist schon eine größere Reise, obwohl die Strecke mit dem Auto gerade einmal etwas über eine Stunde dauert. Und die deutschen Residenten empfinden das nach kurzer Zeit genauso. Dabei sind die Straßen auf Mallorca in sehr gutem Zustand, vor allem die Autobahnen und Schnellstraßen.

Sven betrachtet das Meer, das im morgendlichen Dunst dunkelblau, fast schwarz vor ihm liegt. Dann beugt er sich wieder über sein Tablet. Die touristischen Hochburgen am Meer, wie S’Arenal, Cala d’Or oder Cala Ratjada lasse ich erst einmal außen vor. Da wird es schwer, noch etwas Ursprüngliches zu finden, und außerdem sollen meine Leser ja die Insel erkunden, also umherfahren, so wie ich. Dieser Aspekt hat dem Verleger gefallen, das habe ich gespürt. Wer kennt das Landesinnere schon, außer vielleicht die typischen Ausflugziele Manacor, Sóller, Inca oder Valdemossa? Und wie ist das Motto der Mallorquiner noch gleich? ›Tranquilo‹, also immer mit der Ruhe. Es wird sich bestimmt viel Interessantes ergeben. Sven erinnert sich daran, was Tim bei ihrem letzten Telefonat erzählt hat. Er habe einmal vorzügliche Tapas in Artá gegessen, konnte aber leider nicht mehr den Namen der winzigen Bar nennen. Einige Zeit später war Tim dann in Cala Ratjada. Das liegt keine 15 Kilometer von Artá entfernt. Doch er fand kein Restaurant, das Tapas anbot. Das ist eben der Unterschied zwischen einer mallorquinischen Kleinstadt und einer deutschen Touristenhochburg, war sein Kommentar.

Sven schaut auf. Ein riesiges Kreuzfahrtschiff fährt parallel zur Fähre. Fasziniert betrachtet er den Koloss, der sich einige hundert Meter entfernt an ihnen vorbeischiebt. Er verstaut sein Tablet in der Reisetasche und geht die Reling entlang zum Bug des Schiffes. Der morgendliche Dunst löst sich auf und er kann schon die Silhouette Mallorcas erkennen. Ein unbeschreibliches Glücksgefühl breitet sich in ihm aus. Die Berge im Hintergrund nehmen Kontur an. Nach einer Weile erkennt er sogar die Umrisse der Kathedrale, die vom Meer aus wirkt, als wenn sie auf einem Hügel stehen würde. Der hellgraue Kalksandstein der Kathedrale zeigt einen rötlichen Schimmer, als wenn La Seu, wie das Bauwerk von den Mallorquinern genannt wird, von innen leuchten würde. Eine laute Stimme hallt blechern durch die Lautsprecher. Sven schrickt zusammen. Nur so viel hat er verstanden, dass die Autofahrer sich bereithalten sollen, damit die Abfahrt von Deck reibungslos verlaufen kann, nachdem das Schiff angelegt hat.

Kurz darauf steht Sven in einer Menschentraube vor der noch geschlossenen Stahltür zum Parkdeck. Nachdem ein Ruck durch das Schiff gegangen ist, dauert es noch einige Minuten, bis sich die Tore automatisch aufschieben und die Menschen zu ihren Autos drängen. Sven versucht sich zu orientieren. Er war einer der Ersten am gestrigen Abend und muss durch die Autoreihen bis ganz nach vorne gehen. Von Weitem sieht er schon seinen knallroten Porsche Targa. Die meisten Fahrer haben ihre seitlichen Rückspiegel nicht eingeklappt. Also achtet er darauf, nicht mit seiner Reisetasche hängenzubleiben. Endlich hat er sein Auto erreicht. Er schließt die Wagentür auf, wirft die Tasche auf den Beifahrersitz, hebt das Mitteldach ab, verstaut es im Kofferraum und steigt ein. Dann holt er einmal tief Luft und dreht beherzt den Zündschlüssel um. Wie auf Kommando startet der Motor. Sven gibt leicht Gas und das unverkennbare Röhren ist zu hören. Es hätte auch anders ausgehen können. Er war sich nicht sicher, ob sein Schätzchen von 1985 die salzige Meeresluft auf dem offenen Deck gut verkraften würde.

Die ersten Fahrzeuge fahren die Rampe herunter. Die meisten biegen auf die rechte Haltespur ab, um auf ihre Mitreisenden zu warten, die in Scharen eine Fußgängerbrücke hinuntereilen. Die Sonnenstrahlen wärmen schon und das Licht blendet. Sven fingert eine Sonnenbrille aus seiner Reisetasche und startet durch. Er hat sich den Weg zu seiner Unterkunft genau eingeprägt: An der großen Kreuzung Paseo Marítimo und Porto Pi muss er auf die Verlängerung der Avenida Joan Miró abbiegen und dann immer geradeaus.

Nach wenigen Minuten sieht er auf der linken Seite die Mauer und das Eingangsportal zu dem Anwesen, auf dem sich der Palacio de Marivent befindet, ein herrschaftliches Landhaus, die Sommerresidenz der spanischen Königsfamilie. Er bremst ab und fährt langsam daran vorbei. In ein paar Stunden wird es hier nur so von Touristen wimmeln, die sich alle vor dem Portal ablichten lassen wollen. Rechts auf der kleinen Fußgängerinsel sieht er aus den Augenwinkeln einen Polizisten stehen, ein klares Indiz dafür, dass die königliche Familie anwesend ist. Er beschleunigt erneut. Obwohl es bis zu seiner Unterkunft keine zehn Minuten dauern soll, zieht es sich. Auf der einen Seite der Straße reihen sich mehrstöckige Hotels, weiß verputzt, mit kleinen Balkonen aneinander, auf der anderen Seite stehen flache Häuser aus grobem, grauem Naturstein mit rötlich verputzten Wandflächen. Alle fünf Meter sind zu beiden Seiten der Straße Palmen gepflanzt, noch nicht sehr groß, aber zusammen mit dem mittlerweile strahlend blauen Himmel lenken sie von den schmucklosen Hotels und Appartementhäusern ab. Hier war früher das Animierviertel von Palma, hier wurde Sangria in Kübeln gesoffen. Heute wirkt alles etwas heruntergekommen. Aber schon viel hat sich getan und in ein paar Jahren soll es genauso gepflegt aussehen wie das Wohngebiet hinter der Bucht von Cala Major, die er gerade hinter sich lässt, ebenso den Yachthafen Calanova.

Nachdem die Straße einige Kurven macht, vorbei an kleinen Geschäften, Restaurants und Hotels in historistischer Bauweise mit flachen, verglasten Loggien, gelangt er auf die Carretera Andratx. Hier wechseln sich moderne, kastenförmige Bauten mit typisch mallorquinischen Stadthäusern ab. Kurz bevor er die Grenze zwischen Palma und der Gemeinde Calvià passiert, hat er sein Ziel erreicht. Auf der Straßenseite zum Meer liegt Haus Nr. 3. Er betrachtet das weiß verputzte Stadthaus mit den kleinen Fenstern zur Straße hin. Sein Blick wandert die Fassade hinauf: Typisch für den mallorquinischen Baustil ist das Haus mit einem flachen Satteldach bedeckt und zeigt seitlich eine gemauerte Balustrade, hinter der Sven eine große Terrasse vermutet. Er stößt das schmiedeeiserne Tor auf und durchquert den kleinen, mit Palmen und Kakteen liebevoll gestalteten Garten. Er drückt die Klingel. Bevor er sich noch weiter umschauen kann, wird die Haustür mühsam aufgezogen und eine ältere kleine Frau steht im Türrahmen.

»Sven Ruge?« Sie lächelt.

»Ja. Doña Consuelo?«

Die kleine Frau bittet Sven mit einer Handbewegung hinein. »Das ist schön, Sie kennenzulernen. Wir haben von Tim schon so einiges über Sie erfahren.« Sie spricht sehr akzentuiert und langsam, damit Sven sie versteht.

»Na, hoffentlich nur Gutes«, erwidert er in fast perfektem Spanisch. Doch bevor er weiterreden kann, steht ein ebenfalls kleiner Mann mit sonnengegerbtem Gesicht vor ihm.

»Sergio! Meine Frau Consuelo haben Sie ja schon begrüßt. Schön, dass Sie da sind.«

»Hatten Sie eine gute Überfahrt?«, fragt Consuelo. Sven schüttelt den Kopf. »Die war nicht so gut, aber jetzt bin ich ja da.«

»Was war los?«, fragt ihr Mann.

»Viel zu voll und die paar Stunden Schlaf auf einer Bank im Fast-Food-Restaurant waren nicht wirklich erholsam.«

»Das tut uns leid, aber dafür gibt es jetzt als Entschädigung erst einmal ein mallorquinisches Frühstück, damit Sie sich schnell einleben.« Die Señora nickt ihm zu.

»Wollen wir unserem Gast nicht erst sein Zimmer zeigen?«, versucht Sergio seine Frau zu bremsen. Gesagt, getan. Für sein Alter geht er ziemlich agil die steile Treppe in den zweiten Stock hinauf, öffnet eine Tür und lässt Sven vorangehen. Ein kleines Schlafzimmer ohne Fenster, das nur ein großes Bett und einen Kleiderschrank beherbergt, davon abgehend ein kleines Bad mit Dusche. Sven tritt angespannt von einem Fuß auf den anderen. Doch dann öffnet der Vermieter eine weitere Tür, die in ein größeres Wohnzimmer führt mit gemütlicher Sitzecke, Fernseher und einem alten, dunklen mallorquinischen Schreibtisch. Sven hat es nicht mehr zu hoffen gewagt: Über die ganze Längsseite des Wohnzimmers erstreckt sich ein tiefer Balkon.

»Wunderschön!« Sven tritt nach draußen.

»Hier links auf dem Hügel sehen Sie den Marivent-Palast mit seinen zwei Türmen. Und das hier ist die Calanova mit unserem kleinen Hafen.« Der alte Mann, der Sven auf den Balkon gefolgt ist, deutet mit der Hand zur Bucht.

Der flache, zerklüftete Felsen ist in sattes Grün getaucht, die hohen Kiefern lassen den Palast fast klein erscheinen. Svens Blick geht auf das Meer hinaus. Auf der gegenüberliegenden Seite erkennt er im Hintergrund ein weißes Band, die Hotelhochburgen am langgezogenen Strand von Palma de Mallorca, an dessen Ende S’Arenal liegt.

Sven dreht sich um und berührt Sergio sachte an der Schulter. »Sie haben es hier wirklich sehr schön.«

Consuelo Sánchez bittet Sven, nachdem er sein Gepäck aus dem Auto geholt hat, in die kleine, gemütliche Wohnküche. Sie stellt einen Keramikteller vor ihm ab mit vier großen Stücken Pan con tomate, getoastetem Baguette mit Olivenöl, mit Salz bestreut und mit frischen Tomaten eingerieben. Sven greift zu und beißt beherzt in das erste Stück, als die alte Frau ihn fragt: »Café con leche oder lieber cortado?«

Fast hätte er sich verschluckt, doch dann gelingt es ihm trotz vollem Mund »Cortado, bitte«, herauszubringen. Er lächelt verlegen.

»Tim hat uns erzählt, Sie wollen einen kulinarischen Reiseführer über Mallorca schreiben?«

»Diese Plaudertasche.« Sven lacht auf.

»Oh, sollte das ein Geheimnis bleiben?«, fragt Consuelo erschrocken.

»Nein, nein«, er winkt ab. »Ich bin doch auf Tipps und Empfehlungen von Einheimischen angewiesen.«

»Haben Sie denn schon Pläne, Gustario?«

»Meinen Spitznamen hat er also auch ausgeplaudert«, ruft Sven gespielt entrüstet aus.

»Ich finde es wunderbar, von Freunden einen Spitznamen zu bekommen. Das zeigt echte Wertschätzung.« Sie lächelt ihm zu.

Sven ist es etwas peinlich, von Consuelo als Gustario angesprochen zu werden. Immerhin heißt ›gustar‹ auf Spanisch gern haben, mögen, gefallen oder auch schmecken.

»Um auf Ihre Frage zurückzukommen«, wechselt er das Thema, »beginnen möchte ich mit Palma und dann immer weiter über die Insel fahren. Ich bin auf der Suche nach richtig guten Empfehlungen, die sonst in keinem Reiseführer zu finden sind: gute Restaurants, urige Tapas-Bars, die schönsten Stellen der Insel, die fast nur Einheimische kennen, und natürlich echte mallorquinische Küche.«

»Da haben Sie sich aber etwas vorgenommen. Da können Sie schon allein über Palma einen Reiseführer schreiben.«

»Haben Sie spontan eine Idee für mich?«

Consuelo Sánchezʼ Kopf zittert leicht. Das war Sven bisher noch nicht aufgefallen. »Ja, die Markthalle in Santa Catalina, der ehemalige Fischmarkt. Da müssen Sie unbedingt hin.«

Sven ist nicht überzeugt. »Der Markt ist doch in jedem einigermaßen guten Reiseführer erwähnt.«

»Ja, weil er wirklich sehr sehenswert ist. Aber wer sich dort nicht auskennt, irrt nur hilflos umher. Ich kann Ihnen zwei ausgezeichnete Marktstände nennen: die Bar Ostra mit den besten Austern auf der ganzen Insel und die Tapas-Bar La Tapita mit einer Vielzahl von unterschiedlich belegten pinchos. Ich mache Ihnen schnell eine Skizze, damit Sie die Marktstände finden.«

»Ist der Markt nicht sehr von Touristen überlaufen?«

»Nein, überhaupt nicht. Hier kaufen zumeist die Leute des Viertels ein. Ganz im Gegensatz zum Viktualienmarkt Mercator de l’Olivar, wo ganze Busse vorfahren und die Touristen absetzen.« Sven wischt sich die Finger an der Serviette ab, trinkt schon im Stehen seinen letzten Schluck Espresso und bedankt sich bei Consuelo. Dann nimmt er ihre Skizze entgegen, steckt sie in die hintere Tasche seiner Jeans und schultert sein Gepäck.

Vom Balkon aus schaut er noch mal auf das Meer. Am Himmel sieht er die Flugzeuge, die vom Sonnenlicht silbern glänzen und wie Perlen an einer Schnur, eines nach dem anderen, über der Bucht von Palma einfliegen. Das ist wie in Düsseldorf, wo zur Hauptreisezeit alle zwei Minuten ein Flieger startet, geht es ihm durch den Kopf. Er spannt den Sonnenschirm auf und macht es sich im Liegestuhl bequem. Er will nur kurz entspannen, bevor er die nähere Umgebung erkundet. Doch es vergeht keine Minute und er ist fest eingeschlafen.

Die stechende Sonne hat den Sonnenschirm längst hinter sich gelassen, als Sven aufwacht. Er traut seinen Augen nicht, als er auf seine Armbanduhr sieht. Es ist schon Mittag. Er hat mehrere Stunden tief und fest geschlafen. Sven geht ins Bad und betrachtet sein Gesicht. »Na toll, gleich am ersten Tag ein schöner Sonnenbrand«, murmelt er vor sich hin. Nach einer ausgiebigen Dusche steigt er die Treppen hinunter und begegnet im ersten Stock seiner Vermieterin. Die schaut ihn entgeistert an.

»Sie kann man aber auch keinen Augenblick allein lassen. Warten Sie mal kurz, bin gleich wieder da.« Schon ist sie in ihrer Wohnung verschwunden. Rasch kehrt sie mit einer großen Tube zurück. »Keine Widerrede. Erst einschmieren, dann können Sie gehen.« Das kühle Gel fühlt sich sehr angenehm an auf der heißen Haut. Consuelo erklärt ihm, die Aloe-Vera-Creme wirke Wunder bei Verbrennungen, die Mallorquiner würden darauf schwören. Sie hätten sogar eine eigene kleine Farm im Landesinneren, die nur Aloe-Vera-Produkte herstelle. Sven bedankt sich und will ihr die Tube zurückgeben, doch Consuelo winkt ab. »Behalten Sie die. Die werden Sie noch öfter brauchen.«

Sven lässt sich treiben. Ohne Ziel läuft er durch die kleinen Gassen und Straßen. Schon nach kurzer Zeit klebt sein Hemd am Rücken und er wischt sich mit einem Stofftaschentuch den Schweiß von der Stirn. Er schmunzelt. Die Einheimischen müssen mich für verrückt halten, in der Mittagshitze durch das Viertel zu laufen, aber ich bin so froh, endlich mal wieder auf Mallorca zu sein. Das letzte Mal dürfte schon mehr als drei Jahre her sein. Da hatte ich mit einigen Freunden eine Finca in S’Alqueria Blanca in der Nähe von Santanyí gemietet. Ein toller Urlaub. Das könnten wir gelegentlich mal wiederholen.

An der nächsten Ecke biegt er rechts ab, dann nochmal rechts und steht wieder auf der Hauptstraße, die Richtung Andratx führt. Von Weitem sieht er drei kleine Tische auf dem Bürgersteig stehen. Er beschleunigt seine Schritte. San Marino steht auf dem Schild über der Eingangstür. Die einfachen weißen Falttüren sind geöffnet und Sven betritt die kleine, helle Cafeteria. Er schätzt den Raum auf gerade einmal fünfundvierzig Quadratmeter. Vier Tische nur und überall stapeln sich an den weiß gekachelten Wänden die Bierkästen. Der Wirt hinter dem Tresen schaut ihn genauso neugierig an wie die vier Männer an der Bar. Sven grüßt in die Runde.

»Ich habe Hunger und Durst, was kann ich bei Ihnen bekommen?« Er grinst den Wirt an.

»Bier, Wein, Gin Tonic, aceitunas und bocadillos«, ist die knappe Antwort. Sven überlegt. Für Gin Tonic ist es eigentlich noch etwas früh, aber ich werde heute sowieso nicht mehr alt.

»Bitte einen Gin Tonic, eine Portion aceitunas und ein Bocadillo con atuny quesco caliente

Der Wirt greift zur Gin-Flasche, doch Sven hält ihn zurück. »Bitte einen Larios aus der blauen Flasche, den zwölf Jahre alten, den mag ich am liebsten.« Der Wirt kann sich ein anerkennendes Nicken nicht verkneifen. Einer seiner Gäste, ein mürrisch wirkender Mann, spricht Sven neugierig an.

»Sie sehen aber nicht wie ein Urlauber aus.«

»Da haben Sie recht, ich bin nur zur Hälfte auf Urlaub hier.« Jetzt ist auch bei den anderen Männern das Interesse geweckt und Sven ahnt, dass er sich da nicht mehr rauswinden kann. Also erzählt er lieber gleich von seinem Auftrag. Noch bevor er seinen ersten Gin Tonic ausgetrunken hat, ist die Diskussion voll im Gange. Die einen finden die Idee prima, endlich erfahren die Touristen auch etwas über die originale mallorquinische Küche und nicht nur über das Zeug, das ihnen in den Hotelhochburgen vorgesetzt wird und das sie dann mit dem landestypischen Essen verwechseln. Die anderen sind skeptisch, da sie befürchten, dass die Urlauber sich auch noch über ihre kleinen Insiderbars und Cafeterias hermachen. Sven hört interessiert zu, greift sich die eine oder andere grüne Olive, die säuerlich eingelegt ist, und lässt sich das überbackene Baguette mit Thunfisch und Käse schmecken. Immer wieder ertönt vom Bürgersteig das »Hola« eines Vorbeieilenden oder ein Bekannter kommt kurz rein, um zu fragen, wie es geht. Sven fühlt sich wohl, doch langsam sollte er aufbrechen. Nach dem dritten Gin Tonic und einer Vielzahl an Anregungen und Empfehlungen, was er sich anschauen muss, bezahlt er und verabschiedet sich von seinen neuen Bekannten. Im Hinausgehen fällt sein Blick wie zufällig auf zwei Einheimische, die etwas versteckt an einem kleinen Tisch sitzen und heftig diskutieren. Worüber die Männer reden, kann Sven nicht hören. Er schmunzelt, weil sich einer der beiden beim Reden pausenlos an seine große Nase fasst. Sven tritt auf die Straße in die Hitze und freut sich unbändig über das Licht, die Sonne und die netten Menschen.