Impressum

Hardy Manthey

 

Die Zeitreisende, 1. Teil

Vom 22. Jahrhundert zurück in das antike Karthago

2., stark überarbeitete Auflage

 

ISBN 978-3-86394-028-7 (E-Book)

 

Titelbild:

Ernst Franta unter Verwendung einer Reproduktion des Ölgemäldes „Der Sklavenmarkt“ von Jean-Léon Gérome

 

Ich widme dieses Buch meiner Frau, die mir Mut machte, meine persönlichen Aufzeichnungen zu veröffentlichen und die für mein zeitintensives Hobby Verständnis aufbringt.

 

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Vorwort

Bevor ich dem geneigten Leser meinen Roman zumute, bedarf es wohl einiger klärender Worte zur Entstehung dieses spannenden Titels über die Zeitreisende. Denn der Anlass meines Buches ist nicht weniger abenteuerlich als die Geschichte, die ich Ihnen in meinem Roman erzählen werde.

Alles begann mit jenem denkwürdigen Tage im Jahre 2004 direkt an der Cheopspyramide. Ich war bis zu diesem Zeitpunkt ein hoffentlich normaler Mann, der gerne spannende Romane las und sich brennend für Geschichte interessierte. Meine Vorliebe für die Vergangenheit hat mir nicht nur eine kleine Bibliothek beschert, sondern mich auch auf meinen zahlreichen Reisen an viele geschichtsträchtige Orte geführt. Bei allem Interesse für Geschichte und ihre oft dramatischen Ereignisse suchte ich, alles aus dem rationalen wissenschaftlichen Standpunkt zu betrachten und mir auch so zu erklären. Selbst die Religionen und Mythen des Altertums hatten nur wissenschaftlich betrachtet einen Platz in meiner Gedankenwelt. Die Idee, selbst Geschichten oder gar Romane zu schreiben, kam mir dabei nie. Lieber telefonierte ich, statt mühselig lange Briefe zu verfassen. Das alles stimmte bis zu diesem denkwürdigen Tag im September des Jahres 2004 auch.

Nun also stand ich mit meiner Frau an diesem frühen Morgen vor der Cheopspyramide und war wie schon beim ersten Besuch von diesem Bauwerk ergriffen. Ich berührte einen dieser Quader und spürte ein Kribbeln in den Händen, gerade so, als seien sie eingeschlafen. Nun weiß ich nicht, ob das überhaupt hierher gehört. Das können Sie hinterher für sich selbst entscheiden. Ich schüttelte meine Hände, das Kribbeln ließ langsam nach und ich konnte meinen Spaziergang um die Pyramiden fortsetzen. Doch jetzt meldete sich in mir ganz aus der Tiefe eine weibliche Stimme, die mir sagte, dass ich von nun an einen Auftrag zu erfüllen hätte. Ich konterte, ja, wir Menschen müssen doch immer einen Auftrag erfüllen, und ignorierte einfach die immer schwächer werdende Stimme.

Die Fahrt zurück zu unserem Hotel in Hurgada dauerte über sieben Stunden. Ich verfiel in eine Art Halbschlaf. Plötzlich tauchte vor mir eine wunderschöne Frau auf und plauderte munter drauf los. Sie brauche mich, behauptete sie kühn. Ich hätte den Auftrag, ihre Abenteuer niederzuschreiben. Sie duldete keinen Widerspruch und begann sofort, mir ihre Geschichte zu erzählen.

Eine Vollbremsung holte mich zurück in die Realität. Etwas verdattert schaute ich mich um und dachte nur: „Wow, was für ein verrückter Traum!“ Vor allem konnte ich mich an jede Einzelheit klar erinnern. So etwas hatte ich zuvor noch nie erlebt. Meine Träume waren sonst bei mir nur undeutliche Erinnerungsfetzen. Für eine Stunde hielt ich mich wach. Als es draußen dunkel wurde, siegte erneut die Müdigkeit. Sobald ich die Augen schloss, war diese Frau wieder da und erzählte ihre Geschichte unbeirrt weiter. Ich protestierte und sagte ihr, dass ich als Mann doch nicht über eine Frau schreiben könne. „Das geht doch nicht!“ Sie erwiderte, gerade weil ich ein Mann sei, müsse ich ihre Erlebnisse niederschreiben. Ich müsse mich auch einfach nur an ihre Erzählung halten. Denn nur ein Mann habe den nötigen gesunden Abstand, der für ihre wahrlich abenteuerliche Geschichte notwendig sei. Sie behauptete, dass besonders Frauen gerne dazu neigen, sich einmal erlebte schlimme Dinge am Ende schönzureden. Das wolle sie aber nicht. „Ihr Männer seid dagegen oft schön brutal realistisch.“ Ich solle mich also nicht ständig herausreden und in Zukunft lieber aufmerksam zuhören, belehrte sie mich erneut. So gab ich mich geschlagen und wurde beinahe eins mit ihr.

Denn diese Frau lässt mich bis heute nicht mehr los. Wenn ich jetzt schreibe, genügt etwas Konzentration und schon kann ich loslegen. Mit ihr bin ich in ferne Welten gereist und habe oft Raum und Zeit durchbrochen. Siebzehn dicke Bücher sind so schon bis heute entstanden. Ich weiß noch nicht, wann es ein Ende geben wird. Das werden Sie als Leser sicher auch mit entscheiden! Aber vielleicht ist sie eines Tages einfach weg. So weg, wie sie damals gekommen ist?

Ich habe mich auch oft schon gefragt, warum es ausgerechnet eine Zeitreisende sein musste. Warum ist es kein Mann, der durch Raum und Zeit reisen kann? Ein Mann, ein wahrer Held, eben ein ganzer Kerl, der all diese Abenteuer bestehen muss. Ich habe diese Variante für mich auch schon durchgespielt. Schon allein aus Solidarität zu meinem Geschlecht. Was soll angeblich diese Frau besser können als ein Mann? Doch mein Wunschheld war schon an den ersten Abenteuern in der Antike kläglich gescheitert. Die Natur des Mannes erlaubt es in vielen Situationen einfach nicht, sich kampflos zu unterwerfen. Sich gar wie unsere Heldin oft ganz aufzugeben, fällt jedem Mann unglaublich schwer. Sich wie unsere Protagonistin unter Zwang zu prostituieren, ist doch die brutalste Form der Selbstaufgabe. Oder etwa nicht? Selbst die modernen Waffen könnten einen männlichen Helden nicht lange vor den Gefahren beschützen. Auch ein Recke braucht mal etwas Schlaf. Wenn ich also mit meiner Hauptfigur glaubwürdig bleiben wollte, müsste ich sie am Ende doch viel zu früh opfern. Schade, aber leider wahr.

Meine Heldin dagegen hat wahrlich viele Fehler gemacht, aber nie wirklich um jeden Preis gekämpft. Ehre, Ruhm oder gar Macht waren ihr nie wichtig. Nur für die Liebe und für ihre Kinder kämpfte sie bis zur Erschöpfung. Das ist das Geheimnis ihres Erfolges bis heute, glaube ich. Das ist eben das Naturwunder Frau! Folgen Sie also dieser Frau auf ihren vielen Abenteuern durch Raum und Zeit.

Ich wünsche Ihnen dabei gute Unterhaltung!

Hardy Manthey

Teil 1

Das Unwetter

Völlig zerschlagen von der unruhigen Nacht, versucht Giorgio Marotti, unter der Dusche irgendwie doch noch halbwegs munter zu werden. Die ganze Nacht tobte ein mächtiges Gewitter. Für diese Jahreszeit kam es mit ungewöhnlicher Heftigkeit. Am Frühstückstisch knabbert er lustlos an einem Apfel herum. Nebenbei aktiviert er über seinen Multiplex den Fernseher. Auf seinem Wandbildschirm verfolgt er eher beiläufig die Nachrichten.

Es ist der 28. August 2107 um 07.35 Uhr. In den Nachrichten wird von schweren Schäden vor allem an Straßen und Brücken auf ganz Sizilien berichtet. Aber immer noch mit seinen Gedanken abwesend, hört er den Nachrichten zu. Denn es ist jetzt schon der dritte Morgen ohne seine Frau Messina. Seit Messina erfolgreich esoterische Bücher verkauft, ist das gemeinsame Frühstück ein seltenes Ereignis. Dementsprechend ist heute sein Stimmungspegel ganz unten.

Beethovens Neunte erklingt schrill und Marotti dreht sich zum Wandbildschirm um, der ihm den Anrufer zeigt.

Sein holländischer Assistent Peter van der Delft erscheint fast in Lebensgröße auf dem Bildschirm und sieht wie ein begossener Pudel aus. „Professor Marotti, guten Morgen, Sie müssen sofort kommen! Eine Sensation! Unglaublich ist das. Das Unwetter hat vermutlich an der neuen Umgehungsstraße Reste einer antiken Tempelanlage freigelegt. Lassen Sie alles stehen und liegen, kommen Sie bitte sofort! Es ist unglaublich“, sprudelt es aus Peter van der Delft nur so heraus und er atmet dabei sichtlich schwer.

Wie vom Blitz getroffen, lässt Marotti den Apfel fallen und den gerade fertig gewordenen Cappuccino rührt er nicht mehr an. Er greift nur noch nach seinem alten Strohhut und rennt hinaus.

Ein warmer Wind begrüßt ihn. Er hat keinen Blick für das Farbenfeuerwerk, das die Morgensonne mit den Resten der Gewitterfront auf dem Meer veranstaltet.

In der ersten Sekunde will Marotti sich eines der fahrerlosen, automatischen Taxen rufen lassen, doch dann denkt er an die mahnenden Worte seiner Frau: „Tu etwas für deine Gesundheit!“

Nervös entsichert er das Schloss an seinem Sportrad. Fast elegant springt er auf das Fahrrad und tritt in die Pedalen. Das Rad war ein Geschenk seiner Frau zum Hochzeitstag und ist ihre Mahnung, gesünder zu leben. Am gleichen Tag, an ihrem ersten Hochzeitstag, machte er damals die archäologische Entdeckung seines Lebens. Bei einem Tauchgang hier in der Bucht fand er eine gut erhaltene, lebensgroße Marmorstatue. Nach seiner Auffassung ist es die Göttin Aphrodite oder die Verherrlichung der Venus. Er datierte die Statue damals auf die Zeit um zweihundert vor unserer Zeitrechnung. Es war die Sensation, die ihn damals auf einen Schlag berühmt machte.

Viel Ärger mit den Berufskollegen gab es später, denn mit seiner These von der blonden Aphrodite konnte sich keiner anfreunden. Laboruntersuchungen hatten bewiesen, dass die Haare der Statue vergoldet waren. Die Fachwelt protestierte damals lautstark bei dieser gewagten These. Die Frau war auch für antike Verhältnisse sehr freizügig dargestellt worden. Andere Experten gingen von einer ganz vergoldeten Statue aus, obwohl Farbreste etwas anderes belegten.

Danach war auf archäologischem Gebiet zumindest aus der antiken Zeit nicht mehr viel los. Nur kleine Keramikreste und Münzen konnte er seitdem hier in Syrakus noch ausgraben.

Im Zusammenhang mit Wohnungsrückbau und Sanierung der Innenstadt, von Europa großzügig gefördert, wurden umfangreiche archäologische Ausgrabungen möglich, aber meistens blieb man bei den Schichten des frühen Mittelalters stehen. Um an antike Schichten heranzukommen, hätten jüngere Siedlungsreste zerstört werden müssen. Sehr zum Leidwesen von Marotti. Nun aber könnte dieser Zufall seiner Arbeit neuen Auftrieb bringen.

Etwas kommt er doch aus der Puste, als er den Berg hoch radelt. Aber er kann schon die Schlammlawine und zum Teil ganze Erdverschiebungen von Weitem gut erkennen. Sogar Marmorplatten sind von hier aus zu sehen. Aufgeregt strebt er seiner neuen Aufgabe zu. Angekommen, lässt er das Fahrrad einfach in den Dreck fallen. An den Polizisten vorbeigehend, steht er schon nach wenigen Schritten auf den freigelegten Fundamenten dieses unbekannten antiken Bauwerks. Dass hier ein antikes Bauwerk freigelegt wurde, daran gibt es für ihn keinen Zweifel. Denn sofort fallen ihm die wuchtigen Quader aus Sandstein auf. Alles erinnert ihn allerdings eher an ägyptische Tempelbauten als an bekannte griechische Baustile. Die freigelegten Steine zeigen an den Seiten eingemeißelte Symbole und Figuren. Sie könnten Motive der Göttin Venus oder der Aphrodite darstellen.

Als sein Assistent Peter van der Delft ihm auf die Schulter klopft, dreht er sich widerstrebend um. In Gedanken malt er sich gerade aus, wie dieser Tempel einmal ausgesehen haben könnte.

Peter van der Delft zeigt nur mit der Hand auf die Straße.

Mürrisch erkennt Marotti eine Pressemeute und sagt zu seinem Assistenten: „Peter, geh bitte hinunter, fang sie ab. Erzähl ihnen irgendeinen Unsinn, damit wir sie loswerden. Ich kann diese Leute nicht ausstehen. Danach rufe alle zusammen. Wir wollen sofort mit der Ausgrabung beginnen!“

Peter van der Delft folgt den Anweisungen nur widerwillig.

An der Absperrung erklärt er der Presse lautstark: „Meine Damen und Herren, nach ersten vorsichtigen Erkenntnissen handelt es sich, überraschend für die Fachwelt, um einen bisher hier nicht vermuteten Aphrodite- beziehungsweise Venustempel. Überraschend deshalb, weil bisher nur Tempel, die Zeus, Jupiter, Hera oder Athene verehren, in Syrakus bekannt sind. Aber erst umfangreiche Ausgrabungsarbeiten werden eine klare Antwort darauf bringen. Ich danke für Ihr Verständnis. Guten Tag.“

Prompt macht Peter van der Delft auf dem Hacken kehrt und ignoriert die Fragen der Journalisten, die jetzt laut fluchen.

Peter weiß, dass er sich mit dieser Erklärung sehr weit aus dem Fenster gewagt hat. Doch die Symbole an den Quadern lassen nach seinen ersten Erkenntnissen keinen anderen Schluss zu. Auch nur so, glaubt er, die Pressemeute zu befriedigen. Die Presseleute schlucken den Köder und nach ein paar Fotos verziehen sie sich schimpfend wieder.

Der Professor klettert immer noch auf den freigelegten Steinen herum, als van der Delft mit ansehen muss, wie ein tonnenschwerer Stein am Abhang einige Zentimeter wegrutscht.

Darum ruft er hastig: „Professor, schnell herunter von den Steinen! Der erste Stein ist schon leicht weggerutscht!“

Erschrocken springt Marotti von den Steinen und betrachtet mit Abstand das Desaster. Tatsächlich hat sich einer der riesigen Blöcke deutlich bewegt.

Das fängt ja gut an, denkt Marotti. Jetzt muss ich das ganze Gelände weiträumig absperren lassen. Die Ausgrabung ist sonst zu gefährlich für alle. Das kostet Geld und vor allem Zeit.

Zwei Wochen später

Es ist Mittagszeit und selbst für diese Jahreszeit noch sehr warm. Marotti sitzt im Schatten der Baubude, er kaut lustlos an einem Stück kalter Pizza herum. Zufrieden blickt er auf die freigelegten Reste dieses antiken Tempels und fasst die letzten Tage seiner Arbeit gedanklich noch einmal zusammen. Die Presseerklärung, die van der Delft zum Anfang der Entdeckung leichtfertig abgab, hat sich tatsächlich bestätigt. Obwohl er sich auch heute noch nicht das wuchtige Fundament erklären kann, weiß man durch die gefundenen Reste von Marmorsäulen und Fußbodenplatten, dass das Bauwerk in die Zeit um einhundert oder einhundertfünfzig Jahre vor unserer Zeitrechnung zu datieren ist. Auch die Art der Schriftzüge, Darstellungen von Figurengruppen und Texte in Latein bestätigen das. Die Schriftzeichen berichten davon, dass eine Aphrodite hier in diesem Tempel lebte und herrschte. Eine selbst für die lebhafte und allgegenwärtige Sagenwelt der Griechen und Römer sehr ungewöhnliche Behauptung. Götter waren auch in der antiken Welt eher unerreichbar. Vor allem muss so der vorherrschenden Lehrmeinung widersprochen werden, dass neben der Göttin Athene auch die göttliche Venus oder Aphrodite in Syrakus Schutzgöttin gewesen sein könnte. Ein antiker Tempel mit so gewaltigen Ausmaßen, der den Göttinnen Aphrodite oder Venus gestiftet wurde, ist im gesamten Mittelmeerraum bisher unbekannt. Tempel zu Ehren des Göttervaters Zeus hier auf Sizilien sind dagegen bescheidene Bauten. Wenn sich das bestätigt, wird die Fachwelt die Geschichte neu schreiben müssen. Jedenfalls die ersten Funde haben ihm mehr Fragen als Antworten gebracht.

Marotti schaut auf seine geliebte antike Uhr. Es ist 12:55 Uhr. Er wartet ungeduldig auf Werner Brand. Sein langjähriger Freund ist ein deutscher Architekt, der selbst Pünktlichkeit hoch schätzt. Wenn Werner wie gewohnt pünktlich ist, muss sein Auto gleich um die Ecke kommen. Werner Brand ist wie Marotti wegen einer schönen Frau hier in Syrakus hängen geblieben. Marotti und Brand sind seit über zehn Jahren gute Freunde, auch wenn der Architekt und Statiker Brand mit dem Archäologen Marotti nicht immer einer Meinung ist. Heute erwartet Marotti seinen Freund, um mit ihm gemeinsam eine schwerwiegende Entscheidung zu treffen. Das Unwetter hat nicht nur den Tempel freigelegt, sondern auch Teile des Fundamentes gefährlich angegriffen. Seit der Freilegung rutschten schon zwei Quader geringfügig ab. Es sind nur Zentimeter, aber er glaubt selbst seiner Version von einer Bagatelle nicht so recht.

Marotti wird unruhig. Kommt Werner Brand pünktlich? Wegen des Termins musste seine Frau Messina alleine mit dem Taxi zum Flughafen. Fast hätte es deswegen wieder mächtig Krach mit ihr gegeben. Er hat wie immer nicht richtig zugehört, als seine Frau von ihren Plänen und Terminen erzählte. Ausgerechnet heute musste Messina verreisen. Sie will morgen an einem dieser idiotischen Esoterikkongresse teilnehmen, die irgendwo in den Vereinigten Staaten stattfinden. Aber seit seine Frau mit ihm zusammen die freigelegten Tempelreste besichtigt hat, zeigt sie eine erstaunliche Milde, wenn es um Aktivitäten im Zusammenhang mit diesem Tempel geht. Nach ihrer Meinung besäße die Anlage eine ganz besondere Aura. Die Steine wären ein atemberaubendes Medium. Sie glaubt fest, dass diese Anlage ein unglaubliches Geheimnis verbirgt. Das sagte Messina, als sie selbst diese Steine berührte. Diese typisch weibliche Überzeugung seiner Gattin kann Marotti als Wissenschaftler natürlich nicht teilen.

Pünktlich auf die Minute, eben wie immer, hält der kleine Sportwagen von Werner Brand unmittelbar vor ihm. Es ist eines der letzten Autos in Syrakus, die noch selbst gefahren werden dürfen. Nur mit Sondergenehmigung und mit der den Deutschen typischen Sturheit hatte er diese Genehmigung den Behörden abgerungen.

Sie umarmen sich beide herzlich und ohne lange Erklärungen läuft Werner Brand zur Ausgrabungsstätte. Es hatte sich wirklich viel seit dem Unwetter getan. Aber das genügt ihm nicht. Schnell erkennt Werner Brand, dass die ganze rechte Fundamentseite durch Ausspülungen gefährlich angegriffen ist.

Brand überlegt: „Mein lieber Freund, das sieht wirklich nicht gut aus. Deine Idee, die Ausspülungen einfach mit Blitzbeton auszugießen, bringt dir hier überhaupt nichts. Rechts müssen mindestens die ersten zwei Reihen der fast eine Tonne schweren Quader abgetragen werden. Auf einem neuen Fundament kann alles wieder hergerichtet werden. Ich weiß, das wird viel Geld kosten. Eine Alternative gibt es für dich aber leider nicht.“

Die schlimmsten Befürchtungen haben sich nun bestätigt. Blass und schwach geworden von der niederschmetternden Entscheidung seines Freundes, sagt Marotti nur leise: „Die Woche fängt ja gut an, das war es dann wohl. Die Rettungsmaßnahmen kosten bestimmt fünfhunderttausend Euro. Wegen der Gefahr, die von den Quadern ausgeht, muss die Grabungsstätte wohl auch noch geschlossen, womöglich zugeschüttet werden? Oder?“

Werner Brand nickt schuldbewusst: „Ja, leider, mein Freund. Für dich, mein Freund, gibt es nur eine Möglichkeit. Du musst die verhasste Presse alarmieren und so an geeignete Sponsoren für die Rettungsaktion kommen.“

„Die Presse rufen? Bist du wahnsinnig geworden? Das ist für die ein gefundenes Fressen. Die drehen mich durch den Fleischwolf. Die haben mich doch bisher immer fertiggemacht!“, faucht Marotti und sagt gleich entschuldigend zu seinem Freund: „Entschuldigung, Werner, aber seit ich wegen der Statue und meiner Idee von der blonden Göttin von der Presse lächerlich gemacht wurde, bekomme ich einen dicken Hals, wenn ich nur an sie denke oder einige dieser Fatzkes sehe!“

Werner Brand versucht, ihn zu beschwichtigen: „Die Presse lebt von interessanten Geschichten. Die alten Geschichten von damals sind der Schnee von gestern. Sie wollen keine alten Hüte. Verkauf ihnen die Geschichte dieses Tempels mit viel Fantasie und du wirst Geld bekommen. Übertreibe ruhig dabei. Die Presse hinterfragt selten eine Story. Ob zu viel Fantasie dabei ist, wissen diese Leute doch nicht. Glaube es mir, nur so kommst du hier weiter!“

Marotti brummt: „Du kannst Recht haben. Ich muss darüber nachdenken. Bis ich von der EU das nötige Geld bekomme, bin ich längst pensioniert. Die Stadt hat ihre Gelder für die nächsten fünf Jahre schon fest eingeplant. Von dort bekomme ich nicht einmal das Papier für den Antrag.“

Mit Handschlag trennen sich beide Freunde und Marotti überlegt, wie er die Presse einspannen kann. Irgendeine interessante Story muss herhalten. Vielleicht kann wieder sein medienerfahrener Assistent Peter van der Delft helfen?

Der kommt jetzt aufgeregt auf ihn zu und ruft: „Professor, das ist hier eine ganz verrückte Geschichte!“

Marotti fragt: „Was ist nun schon wieder passiert?“

Sein Assistent wirkt unsicher, aber sagt nach kurzer Überwindung: „Hängen Sie es nicht an die große Glocke, Professor! Ich habe vor ein paar Jahren zwei Semester Kunst studiert. Ich wollte Bildhauer werden und habe darum in den Sommerferien in einem Steinbruch gearbeitet, oben in der Toskana. Die Blöcke zeigen hier an den freigelegten Innenseiten die gleichen Spuren wie an modernen Steinblöcken.“

Marotti zuckt mit den Schultern, versteht ihn nicht und meint nur: „Na und, die kannten sich eben damals schon mit dem Brechen von Steinen gut aus.“

„Sie verstehen mich nicht, Professor, diese Blöcke wurden mit Sprengstoff aus dem Felsen gebrochen. Verstehen Sie, Professor? Sprengstoff! Die Spuren sind nicht zu übersehen“, sagt van der Delft schon beinahe bedrohlich, aber immer leiser zu ihm. Er scheint Angst zu haben, dass noch ein anderer mithören könnte.

Marotti schaut seinen Assistenten ungläubig an: „Sie hätten sich doch etwas auf den Kopf setzen sollen. Die Sonne Siziliens ist nicht zu unterschätzen. Ich gebe Ihnen für morgen frei. Ruhen Sie sich aus! Sie müssen fit sein für die nächsten Wochen. Wann kommt endlich unser neuer Praktikant?“

„Weiß ich nicht so genau. Kann sein, dass der Praktikant schon längst in Syrakus ist. Ich fahre dann mal. Bis morgen, Professor. Ciao!“, brummt van der Delft enttäuscht und steigt in das wartende Taxi. So viel Ignoranz hat er von Marotti nicht erwartet.

Marotti wendet sich wieder den Steinen zu. Mit der Hand streicht er über einen der Blöcke und denkt: „Sprengstoff, so ein Blödsinn! Man stelle sich vor, Sprengstoff vor zweitausend Jahren. Die Römer arbeiteten mit Sprengstoff? Der Mann ist nur ..., er kann nur krank sein“, beruhigt sich Marotti und steigt auf sein Rad, um nach Hause zu fahren.

Schnelle Hilfe

Ein riesiger Autodrehkran quält sich schon einen Monat später den extra für dieses Fahrzeug verbreiterten Weg zur Grabungsstätte hoch. Marotti blickt zufrieden von oben auf das Schauspiel. Es wimmelt nur so von Bauleuten und Presse. Er ist immer noch überrascht, wie leicht es war, Sponsoren zu finden. Van der Delft hat sich wieder einmal als Mann mit einem Händchen für die Presse erwiesen.

Eine hiesige große Baufirma hat diese Rettungsaktion als ideale Werbeaktion entdeckt. Zumindest anteilig beteiligt sich die Firma an den horrenden Kosten der Aktion. Prominente aus aller Welt haben gespendet. Achthunderttausend Euro sind dabei zusammengekommen. Marottis Verhältnis zur Presse und zu Peter van der Delft hat sich seitdem deutlich gebessert. Darum hat er ihm die idiotische Vermutung, dass mit Sprengstoff gearbeitet wurde, längst verziehen.

Neben örtlicher Politprominenz hat sich sogar ein Kommissar der EU eingefunden. Tatsächlich, der Tempel wurde mit in das Förderprogramm der EU aufgenommen. Zwar erst nur mit bescheidenen Mitteln, aber sicher mit Steigerungsmöglichkeiten, glaubt Marotti fest.

Die Frau des Bauunternehmers, des Hauptsponsors, gibt symbolisch den Startschuss. Sie darf den Hebel auf dem Controller des Krans in Bewegung setzen. Die Rettung der Tempelanlage kann beginnen. Die ersten Quader werden rund zwanzig Meter weiter auf einem dafür vorgesehenen und vorbereiteten Platz abgesetzt.

Dort steht auch Marotti bereit, während van der Delft das Abtragen der Blöcke überwacht und dokumentiert.

Der erste Block schwebt sanft auf den Abstellplatz. Marotti kann keine Auffälligkeiten an dem Stein entdecken. Nur eben die typischen Bearbeitungsspuren und Zeichen, die vor zweitausend Jahren üblich waren. Keine Sensationen, keine Spuren von Sprengstoff. Van der Delft macht ihm auf einmal seltsame Zeichen. Nicht, dass der Trottel schon wieder Sprengstoffspuren entdeckt haben will, ärgert sich Marotti.

Neue Blöcke folgen. Schon etwas gelangweilt, überwacht er das Absetzen des neuen Steins und dreht dabei obligatorisch seine Runde.

Etwas irritiert, entdeckt Marotti auf einem Quader an der Innenseite etwas Metallenes. Er geht näher heran und sieht tatsächlich auf der einen Seite des Quaders eine Platte aus Metall. Als der Block endgültig abgesetzt wird, läuft Marotti gleich hin. Enttäuscht betrachtet er die Seite mit der Metallplatte genauer. Es ist eine Platte aus Blei und, von wenigen Kratzern abgesehen, völlig glatt. Keine Inschrift, kein Symbol, einfach nichts. Am zweiten und dritten Quader sind keine Platten zu sehen. Als der vierte Quader freisteht, erkennt Marotti, dass hier wieder eine Metallplatte angebracht ist. Welche Funktion soll so eine Platte erfüllen? Statische Aufgaben haben diese Platten sicherlich nicht. Welchen Zweck erfüllen diese Platten? Als Richtungsanzeige beim Bau hätten auch einfache Zeichen im Stein genügt.

*

Am Abend waren alle 20 Quader umgesetzt. Fünf Quader hatten auf der Innenseite Metallplatten. Zur allgemeinen Überraschung zeigte sich in der zweiten Reihe unter den Quadern eine neue Fundamentreihe.

„Der Tempel wurde wahrscheinlich auf einem noch älteren Tempel errichtet“, erklärte Marotti der Presse und den Zuschauern diese Entdeckung.

Zwar erkannte Marotti sofort, dass seine Aussage so nicht unbedingt stimmen musste, aber er hatte mit dieser Erklärung erst mal Ruhe vor den neugierigen Zuschauern. Die Quader waren zwar im Format anders und kleiner, aber die Art der Bearbeitung unterschied sich nicht. Das Spektakel war nun beendet. Alle gefährdeten Quader und die Reihe dahinter waren nun abgetragen. Die Technik wurde unspektakulär und ohne Presse abgezogen.

Endlich hatte der Rummel ein Ende.

Peter van der Delft wirkt auch erleichtert, kommt auf Marotti zu: „Glückwunsch, Professor, wir haben es geschafft. Haben Sie auch diese seltsamen Metallplatten gesehen? Ich halte sie für unsinnigen Schnickschnack. Aber auch die Spuren von Sprengstoff sind jetzt eindeutig zu sehen. Das können Sie nicht mehr leugnen!“

Marotti lacht zynisch: „Verehrter Kollege, ich gebe zu, dass die erkennbaren Bearbeitungsspuren etwas ungewöhnlich sind. Doch ist es eher einer uns unbekannten Technik als dem Einsatz von Sprengstoff zu verdanken. Aber lassen wir das Streiten.“

Im Licht der untergehenden Sonne wirken die abgestellten Quader so in Reih und Glied gestellt wie eine Wolkenkratzerstadt aus vergangenen Jahrhunderten. Marotti geht zu einem Quader mit einer Metallplatte und schaut sich diese genauer an. Er holt sein altes Schweizer Messer aus der Tasche und versucht, zwischen die Platte und den Stein zu kommen. Es ist schier unmöglich. Es gibt keine Ritze, die Platz für sein Messer lässt. Die Tafel sitzt wie aus einem Guss fest im Stein. Irgendetwas stimmt damit nicht.

„Was hältst du davon, Peter?“, fragt Marotti ungewöhnlich vertraulich seinen Assistenten.

Peter van der Delft ist von soviel Vertraulichkeit überrascht und sagt ganz offen: „Auch wenn ich mich wiederhole, ich weiß es nicht, Professor. Diese Metallplatten ergeben für mich keinen Sinn. Sie enthalten keine Botschaft und erfüllen absolut keinen statischen Zweck. Ungewöhnlich viel Aufwand für etwas Unsinniges, finden Sie nicht auch? Genauso sinnlos wie die wuchtigen Quader. Auf diesen Steinen hätte eine Pyramide stehen können. Oder wie sehen Sie das in diesem Fall, verehrter Professor Marotti?“

„Ja, verdammt, das Ganze ist schon recht mysteriös. Doch Ihre Ansicht kann ich nicht teilen. Der hohe Aufwand wird schon seine Berechtigung haben. Genauso gilt das für die Metallplatten. Wir sollten aber nicht darüber streiten. Eine Nacht darüber schlafen macht den Kopf für neue Gedanken frei. Machen wir für heute Schluss. Morgen wartet viel Arbeit auf uns. Buona Sera!“, wendet sich Marotti sichtlich unzufrieden zum Gehen.

„Buona Sera, Professor!“, erwidert van der Delft und geht verärgert zur wartenden Taxe.

Gedankenversunken springt Marotti auf sein Fahrrad und fährt nach Hause. „Warum dieser Aufwand? Warum diese Sorgfalt für eine blanke Metallplatte ohne erkennbare Funktion?“, fragt sich Marotti immer wieder.

Selbst das Licht, die Musik und die gut gelaunten Menschen in der Taverne auf dem Weg zum Haus können ihn heute nicht locken. Der gute Tropfen in der geselligen Runde bei den Weinbauern und Touristen wird ihn nicht von seinen Fragen ablenken können. Er will es auch gar nicht. Er will sich ganz auf sein Problem konzentrieren. Doch wie der Hund, der sich in den Schwanz beißt, kreisen seine Gedanken ohne Ergebnis in seinem Kopf herum. Immer wieder stellt er fest, dass alles keinen Sinn ergibt.

Erkenntnisse auf Umwegen

Marotti lassen diese Metallplatten die ganze Nacht keine Ruhe. Er schläft erst sehr spät ein. Zur Ablenkung hat er heute Morgen entgegen seiner Gewohnheit das Frühprogramm im Fernsehen eingeschaltet. Marotti will sich endlich gedanklich von den Platten trennen. Einfach an etwas anderes denken! Abschalten!

Ein Koch erklärt gerade die Zubereitung einer Mehrfruchtobsttorte. Eben ist der Mann dabei, die Obstschicht mit einer glasigen Masse zu übergießen, und erklärt dabei wortreich, dass mit dem Erstarren des Gusses die Torte ihre Endform für eine vielfältige Gestaltung erhält.

Plötzlich schreit Marotti förmlich befreit aus sich laut heraus: „Ich hab es, die Platten, die Bleischicht, versiegeln nur etwas! Das Blei ist nur der Tortenguss. Nicht mehr und nicht weniger. Die niedrige Schmelztemperatur von Blei erlaubt mit geringem Aufwand eine Versiegelung einer möglichen Botschaft. Leichter lässt sich kein Metall mit Stein präzise verbinden. Das muss die Lösung, das wird die Lösung des Rätsels sein. Hier wollte jemand verhindern, dass das Geheimnis der Platten sofort auffällt.“

Hastig lässt er alles stehen und liegen. Was er braucht, um das Geheimnis zu lüften, glaubt er, im Keller zu finden.

Von dort holt er sich den alten Bunsenbrenner mit einer kleinen Propangasflasche hoch. Er schätzt, dass die kleine Gasflasche noch gut zur Hälfte gefüllt ist. Für ein erstes Freilegen einer Metallplatte wird es sicher reichen, glaubt er.

Marotti verstaut alles in einem alten Rucksack. Mit dem Rucksack auf dem Rücken steigt er auf sein Fahrrad. Mit Mühe, schnaufend, balanciert er diese Fracht mit dem Fahrrad hoch zur Ausgrabungsstätte. Seine unsichere Fahrt sorgt bei Passanten und den Autos für Verwirrung und manchmal auch für Heiterkeit. Mehr als einmal droht er, mit seiner Fracht zu stürzen. Eine Taxe wäre jetzt besser gewesen, ärgerte sich Marotti auf halbem Weg über seine eigene Dummheit. Aber ohne einen Unfall erreicht er, zwar völlig erschöpft, sein Ziel.

Sein junger Assistent Peter van der Delft kommt aus einem Taxi mit einer jungen Frau auf ihn zu. Unfreiwillig und eher abwesend, begrüßt Marotti beide mürrisch, ohne nach ihnen aufzuschauen. Die verrosteten Schlauchverbindungen am Bunsenbrenner machen ihm sehr zu schaffen. So hört er beim Zusammenbauen des Brenners nur mit halbem Ohr zu, als sein Assistent van der Delft erklärt: „Hallo, Professor, die Frau neben mir ist die von uns längst erwartete Assistentin! Sie ist kurzfristig für den erkrankten Praktikanten eingesprungen.“

„Schön, schön!“ Marotti schaut kurz auf.

Die junge, hübsche Frau strahlt den Professor gewinnend an: „Buona Sera, Signor Marotti. Ich bin Swetlana Sukowa. Ich komme aus Deutschland, aus München, und freue mich, bei Ihnen das praktische Jahr im schönen Italien machen zu dürfen!“

„Wir sind hier in Sizilien, verehrte Signorina!“, brummt sie Marotti an und betrachtet ungeniert die gute Figur der Frau. Das luftige Sommerkleid, etwas durchsichtig, lässt tief blicken. Das scheint jetzt auch die junge Frau bemerkt zu haben.

Sichtlich verlegen antwortet sie: „Natürlich, Entschuldigung! Wir sind selbstverständlich in Sizilien.“

Nachdem der Brenner endlich zusammengebaut ist, ist Marotti etwas besser gelaunt: „Nun zeige ich euch einmal, was angewandte Archäologie heißt. Kommt mit. Peter, trag bitte die Gasflasche und den Brenner zu dem vorderen Quader! Du weißt schon, zu dem mit der Metallplatte.“

Wie gebeten, packt van der Delft den Bunsenbrenner und fragt: „Was soll das, Professor?“

Marotti schüttelt nur lächelnd den Kopf und informiert: „Mein verehrter Kollege. Ich werde es Ihnen gleich zeigen!“

Verdutzt folgen beide dem Professor zu den Quadern. Vor der ersten Platte baut Marotti den Bunsenbrenner auf. Nervös kramt er in seinen Taschen nach seinem Feuerzeug. Vergeblich. Verdammt, das Ding liegt bestimmt noch auf dem Küchentisch. Fragend blickt er die beiden an. Schmunzelnd reicht van der Delft dem Professor sein Feuerzeug. Ohne Dank reißt es Marotti seinem Assistenten aus der Hand. Als er die Flamme des Bunsenbrenners in die untere rechte Seite der Platte hält, schreien die beiden Assistenten entsetzt laut auf.

Wie im Chor schreien beide: „Was machen Sie da, Professor, Sie zerstören ja die Platte!“

Marotti wehrt lächelnd ab und hält geduldig den Brenner weiter auf die Platte. Aber als sich nach kurzer Zeit herausstellt, dass das Blei nur eine zweite Metallschicht verdeckte, beruhigen sich die beiden schnell wieder. Es zeigt sich, dass die Bleischicht vielleicht zwei bis drei Millimeter stark ist. Dahinter verbirgt sich eine Metallschicht, die jetzt deutliche Gravuren freigibt.

Peter van der Delft und Swetlana Sukowa sind überwältigt.

Marotti kann seine Freude nicht mehr verbergen und ruft euphorisch: „Das ist es! Das ist die Jahrhundertsensation!“

Nach zwanzig Minuten ist die Platte völlig vom Blei befreit. Waren die zum Anfang freigelegten Linien und Striche noch unverständlich, verblüfft das Endergebnis umso mehr.

Swetlana Sukowa bemerkt schnippisch: „Das ist doch nur eine geografische Karte unserer Erde. Na und!“

Marotti schüttelt den Kopf und wendet sich ihr mit vernichtendem Blick zu: „Äh, Frau Sukowa, das ist richtig. Gut erkannt. Doch was für eine Karte? Schauen Sie genauer hin!“

Die junge Frau nickt freundlich, versteht aber seinen bösen Blick und Unterton nicht.

Marotti blickt der Frau tief in die Augen, zeigt dabei auf die Tafel und ruft: „Frau Sukowa, begreifen Sie doch! Die Darstellung der Erde ist mindestens 2500 Jahre alt. Schauen Sie nur, hier sind Amerika, Australien und die Antarktis in einer Präzision dargestellt, wie das so erst Ende des neunzehnten Jahrhunderts allgemein bekannt war. Also frühestens vor 300 Jahren. Das ist der reinste Wahnsinn. Das stellt die bekannte Geschichtsforschung vollkommen auf den Kopf. Was wussten die alten Griechen von der großen, weiten Welt wirklich? Eines ist jetzt offenbar klar, die alten Griechen haben den Glauben an die Erdscheibe des Hekataios von Milet, der so um 600 vor der Zeitrechnung sein Weltbild über die Erde erdachte, verdammt schnell aufgegeben. Selbst das Bild der Erde des Claudius Ptolemäus aus Alexandria um 150 unserer Zeitrechnung gibt somit nicht annähernd das wirkliche geheime Wissen der antiken griechischen Seefahrer wieder. Waren die antiken griechischen Seefahrer schon vor über 2000 Jahren in Amerika und im noch ferneren Australien? Die Weltkarte lässt definitiv nichts anderes zu. Alle bisherigen Theorien des antiken Wissens sind damit hinfällig. Ob sich das die anerkannte Wissenschaft so einfach gefallen lässt? Wir müssen jetzt mit allen noch so belanglosen Veröffentlichungen über den Tempel besonders vorsichtig sein. Ach, was sage ich da? Wir müssen uns selbst mit Andeutungen zurückhalten. Versteht das auch meine verehrte junge Kollegin und Praktikantin?“

Swetlana Sukowa und Peter van der Delft nicken unsicher, stimmen ihm aber dann doch zögernd zu. Niemand weiß, wie es weitergehen soll.

Van der Delft hat sich endlich gefasst und schlägt vor: „Professor, ich vermute, dass die anderen Tafeln ähnlich brisante Informationen bieten. Es kann nur noch schlimmer kommen. Denn wer auch immer diese Tafeln anbrachte, er wollte sein Wissen verbergen. Nein, er hat dieses Wissen hinter diesen Steinen im Tempel versteckt und versiegelt. Er oder vielleicht auch sie hatte nicht vor, sein oder ihr Wissen einer breiten Masse zu verkünden. Ganz im Gegenteil. Die Botschaft war vielleicht schon damals für eine spätere Zeit hier hinter den Blöcken versteckt worden. Eine Botschaft, die definitiv als Nachricht für eine sehr viel spätere Zeit bestimmt war! Denn es ist Fakt, dass diese Metallplatten erst mit dem Abtragen des tonnenschweren Fundamentes zugänglich wurden. Vielleicht haben wir die Nachricht viel zu früh entdeckt? Folgendes schlage ich vor: Erstens, wir werden jede Tafel vom Blei befreien und dann fotografieren. Nicht das kleinste Detail auf den Platten darf uns dabei entgehen. Zweitens, danach werden wir alles wieder neu mit Blei sauber versiegeln. So den Ursprung wieder herstellen. Ich meine mit danach, den Auftrag heute noch zu realisieren. Alles muss heute wieder versiegelt sein. Spätestens in zwei Wochen sind die tonnenschweren Quader wieder an ihrem vorherbestimmten Platz. Alles ist dann wieder so, als wäre nichts Dramatisches geschehen. Die gemachten Fotos können wir ganz entspannt und im Verborgenen vor neugierigen Blicken im Institut auswerten.“

Der Professor klopft van der Delft anerkennend auf die Schulter und sagt begeistert: „Genauso machen wir drei das auch. Swetlana, ich darf doch Swetlana sagen? Du bist doch auch dafür, oder?“

Swetlana ist im Gesicht ganz rot vor Aufregung, nickt gedankenverloren und antwortet etwas zögerlich: „Das ist ja alles so aufregend. Auf langwierige Puzzlearbeiten, kleine Tonscherben und Münzen war ich vorbereitet. An langweilige Archivarbeiten hatte ich gedacht. Nun am Anfang meines Praktikums, am ersten Tag, in den ersten Minuten meiner Arbeit dann gleich so eine Sensation! Ich werde schweigen wie ein Grab und alles dafür tun, dass unsere Aktion ein voller Erfolg wird.“

Marotti schlägt trotz seiner großen Aufregung um Besonnenheit bemüht vor: „Swetlana, du bist die Sportlichste von uns dreien und holst deshalb die Kamera! Ich werde unser Geheimnis bewachen. Peter, du besorgst bitte noch schnell Blei und eine zweite Gasflasche. Denn das Blei, das hier in den Sand fällt, ist für uns unbrauchbar geworden. Auch ist die kleine Gasflasche so gut wie leer.“

Jetzt haben sie es alle sehr eilig. Swetlana fährt wie verabredet ins Museum und holt die Spezialkamera mit allem Zubehör.

Peter van der Delft muss Blei und Gas besorgen.

Marotti schiebt vor der Tafel Wache, als hätte er den Heiligen Gral gefunden. Seine Jacke hängt wie rein zufällig vor der Tafel. Niemand soll etwas von den geheimen Erkenntnissen mitbekommen.

Marotti denkt: „Diese Entdeckung könnte die Geschichtsschreibung auf den Kopf stellen. Die Geschichte muss wohl neu geschrieben werden!“ Davon ist er jetzt schon überzeugt.

*

Es ist schon kurz vor Mitternacht, als die letzte Tafel wieder versiegelt ist. Eine Wertung des Gesehenen erlaubt sich keiner von den dreien. Nur so viel ist klar, die Botschaft kam von einer Frau, die sich Aphrodite nannte und über die Menschen der Zukunft Bescheid wusste. Denn Wort und Schrift waren je nach Tafel neben Latein und griechischer Schrift in reinstem Oxford-Englisch verfasst worden. Alle drei wissen, dass die Auswertung und Analyse der Tafeln das archäologische Weltbild für immer verändern wird. Geschafft, aber überglücklich trennen sie sich. Marotti steigt mit in das gerufene Taxi. Das Fahrrad bleibt hinter den Steinen liegen. Schweigend verarbeitet jeder für sich das Unglaubliche. Keiner wagt in diesem Moment eine Wertung. Zu ungeheuerlich ist das, was die Tafeln freigaben.

Nur mühselig brummt Marotti ein „Arrivederci“ und steigt aus dem Taxi. Ohne sich noch nach dem Fahrzeug umzudrehen, trottet Marotti mit Händen in den Hosentaschen in sein Haus. Mit einer Flasche Rotwein und einem Schinken geht er hoch in sein Schlafzimmer. Er weiß, nur der Wein wird ihm heute beim Einschlafen eine Hilfe sein.

Analysen

Vom Verkehrslärm ist Marotti schon früh aufgewacht. Seine Frau schläft noch fest. Erst gegen Mitternacht war sie zu Hause angekommen. Der Flieger aus London hatte wegen eines dortigen Fluglotsenstreiks über vier Stunden Verspätung. Unten in der Küche beginnt er, das Frühstück für sie beide vorzubereiten. Es klingelt, na endlich, die frische Milch und die Brötchen sind da. Tatsächlich steht alles wie bestellt in einem kleinen Container an der Tür. Zurück aus der Küche, ist seine Frau, seine geliebte Messina, schon am Tisch. Er begrüßt sie mit einem Kuss auf die Stirn.

Sie blickt zu ihm hoch und sagt freundlich: „Hallo, mein Doktorchen, wieder die ganze Nacht über deine Tafeln nachgedacht? Bei dir ging es nur rein und raus aus dem Bett. Wenn du so weitermachst, zerstörst du dein positives Karma noch ganz.“

Marotti nickt und brummt nur.

Sie schwatzt weiter: „Deine Theorie von außerirdischen Mächten, die diese Aphrodite nur als Tarnung nutzten, ist der allergrößte Quatsch. Was du mir vom Text erzählt hast, deute ich ganz anders.“

Marotti schüttelt mit dem Kopf und sagt kratzig: „Deine Theorie, geh mir bloß damit vom Acker!“

Sie fährt unbeirrt fort: „Es ist alles so sonnenklar. Hinter allem steckt tatsächlich eine Frau. Die mag wirklich eine Sklavin gewesen sein und das sogar ziemlich lange. Denn nur so einfach gibt niemand zu, eine Sklavin gewesen zu sein. Damals wie auch heute war und ist der gesellschaftliche Stand für jeden von uns wichtig. Sklaverei war und ist ein Makel so wie die Prostitution oder das Pornogeschäft. Jeder war und ist bemüht, solch einen Makel zu vertuschen. Hier muss die Frau zu großem Einfluss und unanfechtbarer Macht gekommen sein. Sie muss über Fähigkeiten verfügt haben, die den normalen Rahmen gesprengt hatten. Sie stand nach meiner Meinung quasi über den Dingen. Sie brauchte deshalb ihre Herkunft nicht zu vertuschen.“

Marotti wehrt mit beiden Händen ab und sagt verärgert: „Diesen Quatsch von der antiken Superemanze kann auch nur eine Frau glauben. Nein, kann nur meine Frau glauben. Woher soll die Frau zum Beispiel diese geografischen Kenntnisse hergeholt haben? Ihr Frauen könnt und konntet noch nie Karten lesen. Etwa so nach dem Motto – Ausnahmen bestätigen die Regel!“

Seine Frau bewirft ihn mit dem Marmeladenmesser, verfehlt ihn aber wohl absichtlich.

Marotti duckt sich zwar instinktiv, lacht aber, als das Messer eine Vase hinter ihm im Regal zerschlägt.

Jetzt sagt er triumphierend mit den Fingern auf sie zeigend: „Da haben wir es wieder, Messina. Schau dir nur deine neue Bluse an! Schon am frühen Morgen ist sie von oben bis unten mit Marmelade bekleckert.“

Mit dem Finger versucht Messina verärgert, den Marmeladenfleck auf der Bluse oberflächlich zu beseitigen. Doch das gelingt ihr nicht. So zieht sie ihre Bluse aus und spült unter dem laufenden Wasser den Fleck aus.

Nur so im transparenten BH ist meine Frau noch ein appetitlicher Happen, stellt Marotti jetzt gut gelaunt fest.

Diese spürt nichts von seinen Gefühlen und keift beim Spülen der Bluse zurück: „Du mit deiner Macho-Brille vor den Tomatenaugen hast doch den Blick für das wirklich Wesentliche längst verloren. Du wirst sehen, ich werde recht behalten!“

Marotti kontert: „Meine Teuerste, wo soll diese Frau denn dieses Superwissen erworben haben? Sag jetzt nicht, durch Telepathie mit Menschen der Zukunft.“

Messina droht erneut mit dem Messer: „Sag nichts gegen Telepathie. Dass es Botschaften von Toten gegeben hat, ist so gut wie bewiesen. Warum nicht auch Botschaften aus der Zukunft?“

Marotti lästert: „Ist ja toll, ausgerechnet eine Sklavin ist das Medium für Botschaften aus der Zukunft. Wer soll überhaupt diese Botschaften in die Vergangenheit gesendet haben? Sag jetzt nicht, du!“

„Alter Esel, heute kann man nicht vernünftig mit dir reden“, zischt Messina zurück und verlässt verärgert die Küche.

Etwas versöhnlicher kommt sie später aus dem Bad zurück: „Zugegeben, deine Tafeln sind wirklich sehr rätselhaft. Wir brauchen uns beide deswegen nicht in den Haaren zu liegen. Doktorchen, nimm dir eine Auszeit! Fahr wieder mal mit dem Rad, das ist gesund und bringt dich auf andere Gedanken! Ich muss jetzt zur Vorlesung.“

Marotti steht auf, geht auf seine Frau zu und küsst sie. Als sie schon längst das Haus verlassen hat, beginnt er, ganz in Gedanken versunken, die Küche aufzuräumen. Erst in einer Stunde muss er selber in der Uni sein.